• Artikel vom 03.01.2012, 14:23 Uhr

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Sedlaczek am Mittwoch

Wer nicht messen will, kann fühlen!


Von Robert Sedlaczek
  • Wir wollen den Zahlen nicht mehr so recht glauben - unser persönliches Empfinden ist uns wichtiger.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Schon wieder ist ein Jahr vergangen, dabei sind wird doch gerade erst vom Sommerurlaub zurückgekehrt!

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Je älter wir werden, desto stärker verfestigt sich das Gefühl, "dass uns die Zeit davonläuft". Ganz anders geht es den Kindern. Sie haben bei einer längeren Autofahrt das Gefühl, "dass die Zeit stehen bleibt".

Es ist wohl ein Phänomen unserer Tage, dass wir uns über die gefühlte Zeit Gedanken machen, im Wetterbericht von der gefühlten Temperatur lesen, während die Ökonomen der gefühlten Inflation auf der Spur sind. Auch aus sprachlicher Sicht sind diese Wortkombinationen ein Novum: Vor 15 oder 20 Jahren haben diese Ausdrücke in der medialen Berichterstattung noch keine Rolle gespielt.

Vorreiter waren die Meteorologen.

Sie haben herausgefunden, dass es neben der korrekt gemessenen Temperatur auch noch jene Temperatur gibt, die ein Mensch subjektiv empfindet. Wenn ein scharfer Wind bläst, ist uns besonders kalt - auch wenn die gemessene Temperatur gar nicht so niedrig ist.

Die Ökonomen sind seit der Einführung des Euro damit konfrontiert, dass das subjektive Empfinden der Inflation - gemessen anhand von Meinungsumfragen - wesentlich höher ist als die tatsächliche Inflation. Meist wird das darauf zurückgeführt, dass jener Warenkorb, der den Berechnungen zugrunde liegt, für das Konsumverhalten vieler Bürger nicht repräsentativ ist. Wer Dinge kauft, die teurer werden, aber nicht im Warenkorb enthalten sind, dem kommen die offiziellen Inflationsraten zu niedrig vor.

Es gibt auch eine gefühlte Geschwindigkeit. In Blogs wird der Ausdruck vor allem dann verwendet, wenn es um die Frage geht, wie schnell ein Rechner startet oder ein Programm geladen wird. Um unsere Geduld nicht allzu sehr auf die Probe zu stellen, wird in einer Leiste der Fortgang des Downloads angezeigt - verbunden mit der Restzeit. Sie hat mit der Realität wenig zu tun, dient nach meinem Gefühl vor allem dazu, uns abzulenken und zu vertrösten.

Eine ähnliche Funktion haben die Schilder auf den Autobahnbaustellen: ein gelbes Mondgesicht, das zunächst die Mundwinkel hinunterzieht, allmählich einen neutralen Gesichtsausdruck bekommt und am Ende freudig grinst. Und wenn jemand mit einem Roadster fährt, dann hat er generell das Gefühl, schneller unterwegs zu sein: Der Fahrtwind bläst ihm ins Gesicht, die straffe Federung beutelt ihn durcheinander.

Die Zeit, die Geschwindigkeit, die Temperatur, die Inflation, alles auch gefühlt - ist das ein Triumph der Empfindungen über das empirisch Messbare? Man könnte es so sehen. Das Primat des Messbaren kommt aber auch hier immer wieder zum Vorschein. Die Meteorologen saugen sich die Werte der gefühlten Temperatur nicht aus den Fingern, sie verwenden mathematische Formeln. Diese berücksichtigen die Windgeschwindigkeit, die Luftfeuchtigkeit und die Frage, ob die Sonne scheint oder nicht. Und sie gelten streng genommen nur für einen Mann mittlerer Größe, mittleren Körpergewichts und mittleren Alters, adäquat gekleidet muss er auch sein.

Die Vorgangsweise ist nicht unumstritten. Ich bin der ZAMG trotzdem dafür dankbar, dass sie die Werte errechnet und publiziert.




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Dokument erstellt am 2012-01-03 14:29:04


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