
Der Christbaumschmuck ist wieder in Schachteln verstaut, die Vanillekipferln sind aufgegessen. Wie doch die Kinderaugen geleuchtet haben, als in einem Packerl die neue Spielkonsole zum Vorschein kam. Aber draußen, irgendwo in Afghanistan, bei klirrender Kälte, machen sich ein paar Kinder auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Es kann ja nicht schlechter werden. Vielleicht ist der Vater Kriegsinvalide oder wurde im Gefängnis gefoltert, vielleicht weiß die Mutter nicht mehr ein und aus.
Auch für die Innenministerin und ihre Beamten ist der Weihnachtsfrieden vorbei. Jetzt wird wieder gegen Asylwerber Stimmung gemacht, dieses Mal gegen Kinder und Jugendliche. Als Vehikel dient der Ausdruck "Ankerkinder". So werden Jugendliche bezeichnet, die angeblich nur deshalb flüchten, damit sie später ihre Eltern und ihre Geschwister nachholen können. Der ORF-Niederösterreich und der "Kurier" berichten darüber, als wenn sie die Presseabteilung des Innenministeriums wären. Noch dazu mit falschen Fakten. Auf noe.orf.at wurde behauptet, die Kinder hätten "ein Anrecht darauf, dass ihre Eltern nachkommen". Später wurde die Meldung korrigiert: "Eltern und Geschwister dürfen nachkommen, allerdings nur, wenn das Asylverfahren positiv abgeschlossen ist." Stimmt noch immer nicht ganz. Die betreffende Person muss nach Abschluss des Verfahrens noch minderjährig und schutzberechtigt sein. Erst dann können die Eltern nachkommen, ob sie es tun, ist eine andere Frage.
Der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau bezeichnete den Begriff "Ankerkinder" als "schäbig, herzlos und auch inhaltlich falsch": "Ich verwahre mich gegen die generelle Diffamierung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen als Ankerkinder."
Es soll ein Bild evoziert werden: Da wird ein Anker in ein Asylland geworfen, im Boot sitzen die Eltern und warten nur noch darauf, an Land zu gehen. Dass Eltern und Geschwister nach Bewilligung des Asyls nachkommen dürfen, ist laut Landau "nicht nur im Hinblick auf das Kindeswohl sinnvoll". Es sei davon auszugehen, dass nicht nur Kinder und Jugendliche politisch verfolgt würden, sondern auch der Rest ihrer Familie.
Aus sprachlicher Sicht handelt es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Amerikanischen. Dort gibt es das Wort anchorchild - gemeint waren die seinerzeitigen boatpeople aus Vietnam. Unter anchorbaby versteht man ein Kleinkind, das von Nicht-Amerikanern nur deshalb in den USA geboren wird, damit es automatisch amerikanischer Staatsbürger wird. Mitglieder der Tea Party haben dagegen gewettert, dass in diesem Fall die Eltern leichter zu einer Aufenthaltsbewilligung kommen.
Vor zwei oder drei Jahren hat eine Meldung aus Rom für Entsetzen gesorgt. Es hat sich herausgestellt, dass Kinder aus Afghanistan in der Kanalisation gelebt haben, unweit des Kolosseums, nachts mit Pappkarton und schmutzigen Fetzen zugedeckt. Der Papst hat damals an die Regierung und an die EU appelliert, das Flüchtlingsproblem zu lösen.
Man ist ja vom Innenministerium einiges gewöhnt, "Schübling" für "Schubhäftling" oder "Kompetenzzentrum für aufenthaltsbeendende Maßnahmen". Im jetzigen Fall ist die Verschleierung besonders subtil.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter