• Artikel vom 17.01.2012, 17:17 Uhr

Glossen

  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Sedlaczek am Mittwoch

Anrainer oder Anwohner?


Von Robert Sedlaczek
  • Die Grünen wollen bis zu zehn Prozent der Stellplätze für Parkpickerlbesitzer reservieren. Eine sprachliche Karambolage wird dabei in Kauf genommen.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Beginnen wir mit einem kleinen Experiment: Welcher Satz entspricht eher Ihrem Sprachgefühl: (a) In dieser Straße dürfen nur Anrainer parken. (b) In dieser Straße dürfen nur Anwohner parken.

Werbung

Antworten Sie spontan! So habe ich die zwei Ausdrücke auch in meinem Freundeskreis abgetestet. Alle sagten: Die Antwort (a), also Anrainer, ist meins. Nur Ilse konnte sich auch mit (b) anfreunden. Sie hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt. Dort war Anwohner der gewohnte Begriff.

Es ist daher merkwürdig, dass die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou eines ihrer Lieblingsprojekte zur Verbesserung der Parksituation in Wien als Anwohnerparken präsentiert - obwohl der Begriff Anwohner vielen Wienern sauer aufstoßen wird. Worum geht es? In Bezirken mit Parkpickerl soll es gekennzeichnete Zonen geben, in denen Besitzer eines Parkpickerls ihr Auto abstellen dürfen. Die Zonen sollen mit Parkverbotsschildern gekennzeichnet sein - mit der Zusatztafel "Ausgenommen Anrainer". Anwohnerparken für Anrainer? Skurril! Gibt es einen Unterschied zwischen Anwohnern und Anrainern? Ich habe den zuständigen Referenten im Wiener Verkehrsressort per Mail um eine Auskunft gebeten - und keine Antwort bekommen. Dabei wäre die Antwort einfach gewesen: Anrainer ist in Österreich die sprachliche Gebrauchsnorm, Anwohner in Deutschland. Wer in Österreich das Wort Anwohner verwendet, der bringt damit zweierlei zum Ausdruck: dass er die Sprachsensibilität eines Dickhäuters besitzt und dass er ein Projekt präsentiert, das aus Deutschland stammt. In diesem Fall ist es über einen Umweg nach Wien gelangt - in Innsbruck gibt es seit einiger Zeit ein Anwohnerparken.

Ilse hat mich darauf hingewiesen, dass der Ausdruck Anwohnerparken in Deutschland heute nicht mehr verwendet wird. Der Terminus wurde im Mai 1998 vom Leipziger Bundesverwaltungsgericht für rechtswidrig erklärt. Der Begriff des Anwohners suggeriere eine enge räumliche Verbindung zwischen Wohnung und Pkw-Abstellort. Das sei in diesem Fall aber nicht gegeben. Der Berliner Bundestag änderte daher das Straßenverkehrsgesetz und ersetzte den Begriff Anwohner durch Bewohner.

Auch in Wien wird es keine enge Verbindung zwischen Wohnung und Pkw-Abstellort geben. Wer am Rande der Josefstadt wohnt, muss eine nicht unerhebliche Anfahrt in Kauf nehmen, bis er in die bevorzugte Zone rund um das Josefstädter Theater gelangt. Ob er dann dort auch wirklich einen Parkplatz findet, ist eine andere Frage. Es werden ja nur zehn Prozent der Stellfläche für die Besitzer von Parkpickerln reserviert sein. Kann sein, dass er außerhalb der gekennzeichneten Zone suchen muss.

Ich möchte daher an die Vizebürgermeisterin einen Appell richten: Ich habe nichts dagegen, dass Sie in Wien etwas einführen wollen, was in Deutschland bereits erprobt ist. Nennen Sie es, wie Sie wollen: Anrainerparken, Bewohnerparken oder wie auch immer. Aber ersparen Sie uns den Ausdruck Anwohnerparken! Die sprachbewussten Wiener werden es Ihnen danken.




Schlagwörter

Wien, Sprache, Sedlaczek, Parkpickerl

5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-01-17 17:23:12


Beliebte Inhalte



Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er auf Tour.
  • 50 Prozent der Deutschen schämen sich im Ausland für das Verhalten ihrer Mitbürger. Wozu? Zu Recht. Aber was ist mit uns Österreichern eigentlich?
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter

Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter

Alle Beiträge dieser Rubrik unter:
  • Wurde Jack the Ripper entmannt? Und wenn ja: War es Jane Austen oder einfach ein dickes Buch? Und wieso ist der Mozart noch immer keine Frau?
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Seit jeher zählt die Ohrfeige zu den schmählichsten Beleidigungen. Deshalb ist sie als Metapher in der politischen Berichterstattung so beliebt.
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Als unser nördliches und östliches Nachbarland noch Tschechoslowakei hieß, war alles ganz einfach. Seit der Aufspaltung herrscht eine Unsicherheit.
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter



Werbung




Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren.

Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera. Schauspieler Antonio Banderas kommt in Vertretung seiner Frau, Melanie Griffith, zur Red Ribbon Celebration Concert am Vorabend des Life Balls im Burgtheater.

20.05.2012: Auch beim G8-Gipfel führte kein Weg am Champions League-Finale vorbei. Jubel und Trauer lagen sichtbar nah beinand, v.l.n.r.: Der britische Premier David Cameron, US Präsident Barack Obama, deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Kommissionspräsident José Manuel Barroso,, der französische PräsidentFracois Hollande (sitzend). Wien. (cra) Castingshows haben schon lange die Welt der Klassik erreicht: Zum vierten Mal diente der Auftakt der Wiener Festwochen als Austragungsort des Wettbewerbs "Eurovision Young Musicians." 
Im Bild: Emmanuel Tjeknavorian, der österreichische Teilnehmer des "Eurovision Young Musicians 2012".

Werbung