• Artikel vom 24.01.2012, 17:18 Uhr

Glossen

  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Sedlaczek am Mittwoch

Hast an Späh fia mi?


Von Robert Sedlaczek
  • Manche Wörter des Wienerischen können einen ganz schön zum Grübeln bringen. Hier geht es um eine merkwürdige Lautform von Span.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Sprechen Sie Wienerisch? So heißt ein Quiz auf Radio Wien. Jeden Tag in der Früh stellt Reinhardt Badegruber ein Wort zur Diskussion und fragt die Hörerinnen und Hörer, was es bedeutet. Unlängst ist es um den Span gegangen.

Werbung

Schon im Althochdeutschen war spanein langes, flaches Holzstück, später ein kleines Stück, das beim Hobeln oder bei anderen Holzarbeiten als Abfall entsteht. Wird dieses Wort im übertragenen Sinn verwendet, dann ist damit seit dem Mittelhochdeutschen ein Zerwürfnis, eine Streitigkeit gemeint. Dabei hat auch die Bedeutung des Zeitwortsspanen(= locken, reizen, antreiben) hineingespielt - von daher stammen Wörter wie abspenstig und widerspenstig. "Späne machen" heißt "Widerstand leisten", "einen Span begraben" heißt "einen alten Streit vergessen". "Die Fürsten sind versöhnt, das ist die Wahrheit, / und in der hohen Häupter Span und Streit / sich unberufen, vielgeschäftig drängen, / bringt wenig Dank und öfterer Gefahr", heißt es in Friedrich Schillers "Braut von Messina".

Originär Wienerisch ist für Span die Bedeutung Zigarette, "an Span durchziagen" für "rauchen" - das ist Sandlersprache. Und weil der Gutschein der "Wiener Einkaufsstraßen" verdient sein will, gibt Reinhardt Badegruber drei Antworten vor, von denen zwei falsch sind und manchmal ein wenig in die Irre führen - in diesem Fall war es die Antwort Holzlöffel. Ein bearbeitetes Holz kann man beim besten Willen nicht alsSpanbezeichnen.

Ein Hörer von Radio Wien hat sich bei mir beschwert. Er hätte auf Holzlöffel getippt, und zwar auf Grund eines Ausschlussverfahrens: "Im Wienerischen heißt es: ,Hast an Späh fia mi? So wirst du manchmal auf der Straße angeschnorrt. Ich sehe das so: Ein Span ist ein kleines, längliches Stück Holz, ein Späh ist eine Zigarette. Die bei Radio Wien haben da etwas verwechselt. Die hätten nach Späh fragen sollen."

Nein, die bei Radio Wien haben nichts verwechselt. Aber in einem Punkt kann ich dem Hörer recht geben. Ich glaube ihm gerne, dass er die LautformSpäh im Ohr hat. Es handelt sich um die Mehrzahl von Span, nur hat das Wort die Endung verloren: aus Späne wird Spän. Und wenn das Wort noch ein wenig in die Länge gezogen wird, klingt es wie Späh.

Ich höre jetzt schon den Einwand: "Warum heißt es ,an Späh?" Das Wort "an" sieht zwar aus wie der unbestimmte Artikel "eine", hat hier aber eine andere Bedeutung: "einige". "Birnan san aa an do."

Das ist ein typischer Beispielsatz für die urtümliche Wiener Mundart: Birnen sind auch einige da. Genauso heißt es: Er hat an Späh fia mi. Da wird die Mehrzahlform als Einzahl verwendet.

Der Wiener Schriftsteller Stefan Slupetzky hat für sein "Trio Lepschi" einen originellen Liedtext geschrieben: "Rauchst an Schpeh, kummt die Heh, / saufst a Bia, kummt di Schmia / rauchst

an Tschick, kumman d Flick, / saufst an Wei, kummt d Kiwarei, / frisst an Schpeck, schpean s di weg . . ."

So schlimm ist es noch nicht. Aber wir arbeiten daran . . .




Schlagwörter

Sedlaczek

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-01-24 17:23:06


Beliebte Inhalte



Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er auf Tour.
  • 50 Prozent der Deutschen schämen sich im Ausland für das Verhalten ihrer Mitbürger. Wozu? Zu Recht. Aber was ist mit uns Österreichern eigentlich?
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter

Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter

Alle Beiträge dieser Rubrik unter:
  • Wurde Jack the Ripper entmannt? Und wenn ja: War es Jane Austen oder einfach ein dickes Buch? Und wieso ist der Mozart noch immer keine Frau?
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Seit jeher zählt die Ohrfeige zu den schmählichsten Beleidigungen. Deshalb ist sie als Metapher in der politischen Berichterstattung so beliebt.
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Als unser nördliches und östliches Nachbarland noch Tschechoslowakei hieß, war alles ganz einfach. Seit der Aufspaltung herrscht eine Unsicherheit.
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter



Werbung




Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren.

Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera. Schauspieler Antonio Banderas kommt in Vertretung seiner Frau, Melanie Griffith, zur Red Ribbon Celebration Concert am Vorabend des Life Balls im Burgtheater.

20.05.2012: Auch beim G8-Gipfel führte kein Weg am Champions League-Finale vorbei. Jubel und Trauer lagen sichtbar nah beinand, v.l.n.r.: Der britische Premier David Cameron, US Präsident Barack Obama, deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Kommissionspräsident José Manuel Barroso,, der französische PräsidentFracois Hollande (sitzend). Wien. (cra) Castingshows haben schon lange die Welt der Klassik erreicht: Zum vierten Mal diente der Auftakt der Wiener Festwochen als Austragungsort des Wettbewerbs "Eurovision Young Musicians." 
Im Bild: Emmanuel Tjeknavorian, der österreichische Teilnehmer des "Eurovision Young Musicians 2012".

Werbung