
Eigentlich wollte ich eine Kolumne über H. C. Strache und seinen Generalsekretär schreiben. Die beiden halten sich ja "für die neuen Juden" und glauben, dass der Protest gegen den Burschenschafterball in der Wiener Hofburg "wie die Reichskristallnacht war". Aber ich will hier nicht aufzählen, wie viele Synagogen und Geschäfte angezündet wurden, wie viele Juden ihr Leben lassen mussten. Sie wissen es ja, und Sie wissen auch, dass die Reichskristallnacht ein Wendepunkt war: Damals schlug die administrative und legislative Diskriminierung erstmals und systematisch in brachiale Gewalt um.
Ich thematisiere stattdessen das Wort Reichskristallnacht. Ist es ein Naziausdruck? Muss man das Wort in Anführungszeichen setzen? Schreibt man besser "die sogenannte Reichskristallnacht"?
"Das Wörterbuch der Vergangenheitsbewältigung" von Thorsten Eitz und Georg Stötzel (Verlag Olms) befasst sich mit dieser Frage. Zwar gelang es den Wissenschaftern nicht, die genaue Herkunft zu eruieren, für sie steht jedoch fest, dass es sich keineswegs um NS-Jargon handelt.
Der Ausdruck kann dem Berliner Volksmund zugeschrieben werden. Wir haben es mit einer ähnlichen Ironiebildung wie "Reichswasserleiche" zu tun - so nannte man die aus Schweden stammende Schauspielerin Kristina Söderbaum. Sie entsprach ganz der nationalsozialistischen Vorstellung einer "arischen" Frau - und sie endete in den Propagandafilmen "Jud Süß" und "Die goldene Stadt" als Wasserleiche. Derartige Scherzwörter waren natürlich in Anlehnung an offizielle Bezeichnungen wie Reichsmarschall oder Reichsjägermeister entstanden.
Reichskristallnacht war also entlarvende Ironie und sollte den Urheber enthüllen: Die Untaten waren Reichssache - kein spontaner Volkszorn, wie Drahtzieher Joseph Goebbels behauptet hatte. Ein Zeitzeuge berichtete 1998 in einem Leserbrief an die "Süddeutsche Zeitung", dass nach seiner Erinnerung der Kabarettist und Schriftsteller Werner Fink den Ausdruck geprägt hat - wegen der eingeschlagenen Schaufensterscheiben. Fink sei von den Nationalsozialisten verhaftet worden, man habe ihn dann gezwungen, das Wort nicht mehr zu gebrauchen. Nach dem Ende der NS-Herrschaft wurden die Ausdrücke Kristallnacht und Reichskristallnacht weiterverwendet. Nur vereinzelt waren kritische Stimmen zu hören: Für die Opfer stelle das Wort eine Verniedlichung des Geschehens dar - als sei nur Glas zerstört worden; die Morde würden sprachlich verdrängt.
Es wurden Ersatzvokabeln geschaffen: Reichspogromnacht, Novemberpogrom etc. Sie alle konnten sich nicht durchsetzen. Außerdem führt Pogrom in die Irre. Es stammt aus dem Russischen und bedeutet "Verwüstung, Unwetter". Damit werden die Untaten erst recht zu einem Naturereignis - wie es Goebbels wollte. Hinzu kommt, dass es viele Pogrome gab, die Reichskristallnacht gab es nur einmal.
Wir können also in diesem Fall auf die Anführungszeichen und auf den Distanzierungsmarker "sogenannt" verzichten.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter