Google, die Sphinx, weiß auf die gleiche Frage stets eine andere Antwort. Wenn Franz, der Redakteur, auf seinem nagelneuen Hochpreis-Laptop im Büro recherchiert, bescheren ihm dieselben Stichworte andere Suchergebnisse als auf seinem alten Diskont-Netbook privat daheim. Das ist die "filter bubble", die der Netz-Aktivist Eli Pariser als erster beschrieben hat.
Als Pariser, der Progressive, eines Tages bemerkte, dass der Facebook-Algorithmus EdgeRank die Updates seiner konservativen Freunde eliminierte, weil er sich nicht so oft zu ihnen durchklickte, entdeckte er die dunkle Seite der Personalisierung: Wer das Konservative schätzt, dem wird noch mehr davon gegeben. Der Progressive sieht Progression, wo er hinschaut. Und für den Radikalen radikalisiert sich das Netz quasi von selbst. Die Algorithmen der großen Internet-Dienste raten, wen sie vor sich haben. Daraus folgern sie, was er sehen will. Und liefern ihm dann ein jeweils passendes Brett vor den Kopf.
Für die digitale Version von "Spieglein, Spieglein an der Wand" eliminieren die großen Internet-Firmen alles, was die User in ihrem Wohlbefinden stören könnte. Der nächste Großversuch in Selbstbezüglichkeit läuft gerade an: Google gestattet sich, die Daten seiner Nutzer aus den verschiedenen Google-Diensten von Youtube bis Gmail zusammenzulegen. Dann werden sich Suchergebnisse und in ihrem Gefolge die Werbeeinblendungen noch intimer an den User schmiegen als bisher.
Wer einmal wirklich Lust auf einen "Gegenteil-Tag" hat, findet im Netz auch viele gute Gelegenheiten, sich anderen Meinungen auszusetzen. Wer allerdings mit sich und seinesgleichen allein sein möchte, kann sich nirgendwo so gut abschotten wie im Leitmedium der schrankenlosen Öffentlichkeit.
Lotte Nordhus, eine Sozialwissenschafterin, hat die Facebook-Debatten vor der umstrittenen Minarette-Volksabstimmung in der Schweiz untersucht. Ihr Resümee: Auf Facebook verhärteten sich die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern. In der analogen Welt zeigte sich zumindest partiell der gegenteilige Effekt: In Gegenden, wo schon Minarette standen, zeigte man mehrheitlich keine Angst vor weiteren islamischen Sakralbauten.
Es ist also nicht ganz leicht, dem Terror der automatisierten Intimität zu entkommen. Will man als unbeschriebenes Blatt in den Tag starten, muss man eine Menge dafür tun: Die Cookies löschen, die Tageschronik ausradieren, alle Privacy-Einstellungen suchen, finden und ausnutzen. Sodann den Browsern das Werbetracking abgewöhnen und vielleicht sogar ein Anonymisierung-Netzwerk bemühen.
Das heißt, man müsste sich, um so etwas wie eine objektive Netz-Wirklichkeit zu erfahren, eigentlich so verhalten, als wollte man Vorstandsmitglied bei Anonymous werden.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter