• Artikel vom 07.02.2012, 14:28 Uhr

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Update: 01.03.2012, 16:42 Uhr
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Sedlaczek am Mittwoch

Unleserlich oder unlesbar?


Von Robert Sedlaczek
  • Soll man Auszüge aus Hitlers "Mein Kampf" abdrucken dürfen?
  • Meine Antwort lautet: Kommt drauf an.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Das Thema hat mich bereits in meiner Zeit als Buchverleger beschäftigt. Hitlers voluminöse Propagandaschrift "Mein Kampf" darf ja in Deutschland und Österreich nicht verlegt werden. Allerdings kann man die Originalausgabe nicht nur im Internet, sondern auch auf vielen Flohmärkten kaufen, das Verbot geht also ins Leere.

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Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, jedenfalls kamen eines Tages zwei seriöse Historiker mit einem interessanten Projekt zu mir. Sie wollten Auszüge aus "Mein Kampf" als Buch herausbringen - auf der einen Seite der Originaltext, auf der anderen Seite eine wissenschaftliche Interpretation, woher die krausen Ideen stammen und was sie angerichtet haben.

Nachdem ein Rechtsanwalt die Sachlage geprüft hatte, musste ich das Projekt abblasen. Wir hätten uns dem Vorwurf ausgesetzt, nationalsozialistisches Propagandamaterial zu verbreiten. Hinzu kam, dass der Freistaat Bayern für das Urheberrecht Geld verlangt hätte. Bayern ist in dieser Hinsicht der Rechtsnachfolger Adolf Hitlers. Die Kalkulation des Projekts inklusive Rechtsrisiko ergab tiefrote Zahlen.

Nun sind vor kurzem in Deutschland die Wellen hochgegangen, weil ein britischer Verleger Auszüge aus "Mein Kampf" abdrucken wollte - in einer Publikation, die an deutschen Zeitungskiosken vertrieben wird. Der Freistaat Bayern hat ihm das letztlich untersagt. Daraufhin sind die Texte zwar erschienen, aber in unleserlicher Form - sie wurden mit einem Grauschleier überzogen.

Im April 2015 endet die 70-jährige Schutzfrist - das Thema wird also weiterhin für Gesprächsstoff sorgen. Wofür soll man sein? Für die Freigabe? Oder soll weiterhin eine Restriktion gelten?

Ich will hier meine persönliche Meinung deponieren und eine Diskussion anregen. Dass der britische Verleger in die Schranken gewiesen wurde, geht für mich in Ordnung. Es widerstrebt mir, dass jemand mit Hitlers Machwerk ein großes Geschäft macht.

Andererseits muss es doch möglich sein, die krausen Gedanken des großen Diktators (© Charlie Chaplin) wissenschaftlich zu analysieren und die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorzulegen. Hier geht es auch um die Freiheit der Wissenschaft.

Wovor fürchtet man sich? Es wäre absurd anzunehmen, dass ein derartiges Buch zu einem Erstarken der Rechten in Europa führen könnte. Ganz im Gegenteil - viele der jüngeren Leser würden sich verwundert die Augen reiben: Wie konnten Millionen Menschen auf das krause Gedankengut eines stammelnden Scharlatans hereinfallen?

Das Buch "Mein Kampf" steht nicht in meiner Bibliothek, aber ich besitze eine Doppel-CD mit einer Lesung des großartigen Helmut Qualtinger, erschienen auf Preiser Records. Hier erweist sich Qualtiger wieder einmal als genialer Stimmenimitator. An manchen Stellen schreit er laut aus sich heraus, bis sich die Stimme überschlägt; dann wird er wieder leise, hält innen - wie wenn er nicht weiterwüsste. Dazwischen hört man das Publikum auflachen. Auch das sollte erlaubt sein.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-07 14:35:04
Letzte Änderung am 2012-03-01 16:42:25


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