• Artikel vom 10.02.2012, 13:30 Uhr

Glossen

  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



wien/zürich

Sport-Kalender


Von Verena Mayer

Ich hielt mich ja immer für sehr sportlich. Ich laufe, gehe schwimmen und zum Yoga. Aber gegen das, was in Zürich an Sport betrieben wird, ist das ein Witz. Wenn ich am Wochenende in der Straßenbahn sitze, sieht es aus wie im "Sportstück" von Elfriede Jelinek, und zwar an jenem legendären Abend im Wiener Burgtheater, als man gratis hineinkam, wenn man Sportsachen anhatte. Jeder zweite trägt Wanderschuhe und -stöcke, der Rest Skistiefel. Von allen Seiten rammen sie einem Schlitten, Snowboards und Skier in den Rücken.

Werbung

Unlängst nach dem Schwimmtraining tauschten sich zwei Frauen darüber aus, wie wenig Zeit ihnen neben der Arbeit für Sport bleibt. Mit halbem Ohr hörte ich, dass die beiden neben dem Schwimmtraining im Ruderclub sind, mountainbiken und Halbmarathon laufen. Eine andere Frau, die schwimmt, turnt, Fußball spielt und jedes Wochenende in die Berge fährt, stimmte zu. Eine weitere war zu atemlos, um mitzureden. Sie war vor dem Kraultraining schon Tango tanzen.

Ich vermute, es liegt an Zürich. Wenn man in einer Stadt lebt, die als Slogan "Erlaubt ist, was nicht stört" hat, will man so oft wie möglich irgendwo hinaus, hinauf oder hinunter. Schön ist das nicht immer. Als mein Sohn in der Kinderkrippe war, hatte er an Winternachmittagen oft eine blutige Nase. Er war mit der Kindergruppe den eisigen und steilen Uetliberg hinunter geschlittelt, was für Schweizer Kinder in diesem Alter eine völlig normale Aktivität ist. Mein Sohn war damals zwei.

Inzwischen hat auch mich der Ehrgeiz gepackt. Mein Jahr 2012 steht im Zeichen der Sportereignisse. Juli: Zürich-Triathlon (kurze Distanz). August: Limmatschwimmen. Dezember: Silvesterlauf, der allerdings am 16. 12. stattfindet, denn: Zwei Wochen vor der Zeit sind des Schweizers Pünktlichkeit! Die Daten trage ich übrigens in den "Abfallkalender" ein, den die Stadt Zürich jedem Bewohner schickt, damit man sein Leben nach jenen Tagen ausrichten kann, an denen Gartenabfall, Pappe oder Altkleider "gebündelt und geschnürt vor 7 Uhr vor die Haustür" gelegt werden müssen.

Leider habe ich noch keine Seeüberquerung geschafft, die jeden Sommer stattfindet. Im ersten Jahr war ich auf Urlaub, im zweiten kollidierte der Termin mit der Abfuhr von Sperrgut. Als ich vergangenen August zum See fuhr, zog ein Gewitter auf und die Seeüberquerung wurde abgeblasen. Ich sah Leute vor Enttäuschung weinen, wobei ich bis heute nicht nachvollziehen kann, was so reizvoll daran sein soll, zu Tausenden durch den See zu strampeln, während alle paar hundert Meter ein Passagierschiff kreuzt. Ich habe auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn ich bin als Begleitperson in der Vorschule meines Sohnes eingeteilt. Die Vierjährigen gehen Eislaufen.

Verena Mayer,geboren 1972 in Wien, Journalistin und Autorin, lebt in Zürich.




Schlagwörter

Extra, Glosse, Wien-Zürich

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-09 22:47:01


Beliebte Inhalte



Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er auf Tour.
  • 50 Prozent der Deutschen schämen sich im Ausland für das Verhalten ihrer Mitbürger. Wozu? Zu Recht. Aber was ist mit uns Österreichern eigentlich?
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter

Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter

Alle Beiträge dieser Rubrik unter:
  • Wurde Jack the Ripper entmannt? Und wenn ja: War es Jane Austen oder einfach ein dickes Buch? Und wieso ist der Mozart noch immer keine Frau?
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Seit jeher zählt die Ohrfeige zu den schmählichsten Beleidigungen. Deshalb ist sie als Metapher in der politischen Berichterstattung so beliebt.
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum  Beispiel: "Das österreichische Deutsch".  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ sedlaczek
  • Als unser nördliches und östliches Nachbarland noch Tschechoslowakei hieß, war alles ganz einfach. Seit der Aufspaltung herrscht eine Unsicherheit.
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin

und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in

mehreren deutschen

Zeitungen.
  • Selbstverständlich und doch immer wieder bemerkenswert, wie viele Möglichkeiten die Sprache bietet, auch wenn es ums Zerstören geht.
  • weiter



Werbung




Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren.

Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera. Schauspieler Antonio Banderas kommt in Vertretung seiner Frau, Melanie Griffith, zur Red Ribbon Celebration Concert am Vorabend des Life Balls im Burgtheater.

20.05.2012: Auch beim G8-Gipfel führte kein Weg am Champions League-Finale vorbei. Jubel und Trauer lagen sichtbar nah beinand, v.l.n.r.: Der britische Premier David Cameron, US Präsident Barack Obama, deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Kommissionspräsident José Manuel Barroso,, der französische PräsidentFracois Hollande (sitzend). Wien. (cra) Castingshows haben schon lange die Welt der Klassik erreicht: Zum vierten Mal diente der Auftakt der Wiener Festwochen als Austragungsort des Wettbewerbs "Eurovision Young Musicians." 
Im Bild: Emmanuel Tjeknavorian, der österreichische Teilnehmer des "Eurovision Young Musicians 2012".

Werbung