
Das Nachrichtenmagazin "profil" hat das Sündenregister von Christian Wulff auf einer Seite überblicksartig dargestellt. Der deutsche Bundespräsident soll einen besonders günstigen Kredit zum Kauf eines Hauses bekommen haben. Außerdem habe er sich einen Urlaub auf Sylt von einem Berliner Filmproduzenten zahlen lassen. Zeitungsanzeigen für sein Buch "Besser die Wahrheit" seien von dem Gründer des umstrittenen Finanzdienstleisters AWD finanziert worden. Und bei einem Flug nach Miami habe er sich und seine Frau in die Businessclass upgraden lassen. Mir kommt einiges davon bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich es hintun soll. Jedenfalls haben die deutschen Medien für das Verhalten des Bundespräsidenten - und für seine Reaktion auf diese Vorwürfe - den Ausdruck wulffen erfunden. Ursprünglich hat man darunter "das Vollreden eines Anrufbeantworters" verstanden, weil Wulff auf diese Weise einen Journalisten davon abbringen wollte, eine Enthüllungsgeschichte zu schreiben. Die heutige Hauptbedeutung ist jedoch eine andere. Es geht um den Graubereich zwischen Lüge und Wahrheit. Wie hält es der deutsche Bundespräsident mit der Aufrichtigkeit? Er hat zwar nicht gelogen, aber auch nicht die Wahrheit gesagt. Man hat ihn nur beim Wulffen erwischt.
Während wulffen in Deutschland eine große mediale Verbreitung erzielt hat, ist bei uns die Wortschöpfung grassern seltener anzutreffen. Einer der älteren Belege stammt aus dem Jahr 2005, als Karl-Heinz Grasser noch Finanzminister war. Der Chef der Gewerkschaft Hotel und Gastgewerbe, Rudolf Kaske, definierte grassern so: "flunkern, schwindeln, über-treiben, täuschen".
Als immer neue Details über die Geldflüsse rund um Karl-Heinz Grasser publik wurden, kehrte sich die Bedeutung von grassern noch stärker ins Negative. Allerdings taucht das Verb hauptsächlich in Blogs auf, oft in Kombination mit strassern und schüsseln.
Die österreichischen Journalisten verwenden solche Ausdrücke kaum. Zu Recht. Das Herumspielen mit Familiennamen ist ein Wesenselement der Politpropaganda, es sind billige Pointen, die einen Sachverhalt eher verschleiern als erhellen. Außerdem schwanken die Bedeutungen dieser personenbezogenen Zeitwörter so stark, dass ihr Inhalt kaum zu fassen ist. Jeder versteht darunter etwas anderes, kein Wunder, dass sie rasch in Vergessenheit geraten.
Überlebenschancen haben derartige Verben auch dann nicht, wenn sie etwas Positives bezeichnen. In Deutschland hat man eine Zeit lang "es müllert" gesagt, wenn Gerd Müller Tore geschossen hat. Schon die Übertragung auf seinen Namensvetter Thomas Müller will nicht so recht funktionieren. Von Toni Polster wurde polstern abgeleitet. Mit den Fabulösen Thekenschlampen sang er das Lied "Toni lass es polstern" - längst vergessen. Und bei manchen Namen klappt es gar nicht. Wie hätte man die Schussqualitäten von Hans Krankl mit einem Verb umschreiben sollen?
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter