
Als Kind in Kärnten habe ich eine relativ klare Vorstellung vom Fegefeuer gehabt. Die wirklich Braven, so dachte ich in grundvernünftiger Auslegung des Religionsunterrichts, die wirklich Braven kommen nach dem Schulschluss schnurstracks in den Himmel und dürfen fortan ewiglich auf flauschig weichen Schäfchenwolken sitzen. Die wirklich Bösen müssen derweil in der Hölle braten. Und irgendwo dazwischen liegt das Fegefeuer. Welches für solche wie mich eingerichtet worden ist, die zwar dem Pfarrer beim Beichten nicht unbedingt immer gleich die ganze Wahrheit sagen und auch nicht wirklich jedes der 20 Vater Unser runterbeten, die er einem hinterher zur Buße aufgibt, aber dafür tun sie auch nichts wirklich Schlechtes, zum Beispiel das mit den Zigaretten bin nicht ich gewesen, sondern der Glawischnig Hannes. Kurz, knapp und völlig undramatisch ausgedrückt also so: Im Himmel hast du eine super Aussicht. In der Hölle ist es eng und überheizt. Und das Fegefeuer ist wie ein geräumiges Zahnarzt-Wartezimmer, in dem es zwar keine Comichefterln gibt, aber dafür hat der Zahnarzt auch ganz andere Gedanken im Kopf, als gerade dich jetzt gleich dranzunehmen.
Kindermund tut Wahrheit kund? Von wegen. Schön blöd ist man als Kind. Heute weiß ich, dass ich längst im Fegefeuer lebe. Dass ich zwar nicht täglich für meine Sünden büßen muss, aber zumindest immer dann, wenn mein Tintenstrahldrucker nach einer neuen Druckerpatrone schreit. Also so alle zwei bis drei Monate. Kann mir bitte wer logisch erklären, warum es in den Fachgeschäften zwar immer unzählige Arten und Abarten von Druckerpatronen gibt, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals die, die mein Drucker will? Was für ein menschenverachtender Sadist muss man sein, um ein System zu erfinden, in dem jeder Drucker seine eigene Patrone braucht? Oder ist der Grund dafür auch nur wieder in einer der sieben Todsünden zu finden? In jener nämlich, die da lautet: GIER.
Die Occupy-Bewegung kämpft gegen die Macht der Banken und der Börsen an. Sollen sie. Ich gründe meine eigene Gruppe. Ich kenne den wahren Feind der Menschheit. Es sind die Tintendruckerpatronenfabriksbesitzer.
Artikel erschienen am 17. Februar 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter