Die Vögel im Innenhof fühlen die Eiseskälte, aber dennoch scheint die Sonne schon deutlich länger als zuletzt, sodass sie wissen: Allzu lange kann es nicht mehr dauern, bis es wieder wärmer wird. Wer von ihnen auch nur ein bisschen Kraft übrig hat, probiert schon einmal eine Frühlingsmelodie.
Aber nicht nur die Vögel künden vom Vorvorfrühling: Die niederösterreichische "Arche Noah" lud Anfang Februar trotz der herrschenden minus 15 Grad dazu ein, sich doch schon jetzt Pflanzen zu bestellen. Im ersten Moment dachte ich, das sei vielleicht ein bisschen überoptimistisch, aber dann blätterte ich im Online-Katalog und bestellte so viele Pflanzen wie noch nie.
Kürzlich trat der Schweizer "Botanik Samen Shop" ebenfalls via e-mail mit der Frage an mich heran, ob ich mich nicht jetzt schon mal umschauen wolle. Und ob ich wollte! Jedes Jahr gibt es mehr und ausgefallenere Samen: Aus Japan, aus Südamerika und aus den Tiefen des Wissens unserer Vorfahren werden Samen und Pflänzchen angeboten, die eine aufregende Saison versprechen.
Knollenziest habe ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal angebaut. Er gedeiht in meinem auf 900 Meter über Innsbruck gelegenen Garten wunderbar. Der einzige Nachteil ist, dass er die Tendenz hat, sich nach eigenem Gutdünken auszubreiten. Die Wurzelausläufer kriechen unter den schweren Waschbetonplatten durch und lassen auch jenseits davon üppiges Grün sprießen. Doch dieser Nachteil scheint nicht mehr erwähnenswert, seit ich kürzlich ein Körbchen Knollenziest in Innsbrucks bestsortiertem Obst- und Gemüsegeschäftausgestellt sah. Das in Form und Farbe an Engerlinge erinnernde Gemüse stammte aus Frankreich und nennt sich nobel "Crosne". Noch nobler war der Preis, denn per 10 dag kostete der französische Knollenziest 3 Euro 90 Cent.
W., der beim Gärtnern und Kochen oft Hilfsdienste leistet, meinte, der Preis scheine ihm angemessen. Die Dinger wachsen idealerweise in Sandboden. Aus unserer Gartenerde geerntet, sind sie insbesondere bei feuchtem Wetter nicht leicht sauber zu kriegen. Ich rechnete aus, dass wir im Herbst delikat nussig schmeckenden Ziest im Wert von rund vierzig Euro verspeist hatten.
Crosne ist übrigens eine Kleinstadt südlich von Paris. Dort wurde der ursprünglich aus Nordchina stammende Knollenziest vor rund hundert Jahren zum ersten Mal angebaut. Um 1940 wurden die Bestände durch eine Krankheit wieder ausgerottet. Nun kommt der Ziest nach siebzig Jahren wieder, hauptsächlich aus Frankreich, Belgien, der Schweiz - und aus meinem Garten. Vielleicht sollte ich ein paar Bäume fällen und ein eigenes Ziestfeld anlegen. Bis der viele Schnee geschmolzen ist, habe ich noch ein bisschen Zeit zum Überlegen.
Stefanie Holzer,geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter