Seit der großen Aufregung über den "Mythos von der Leistungselite", den der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann in einer umfangreichen Studie entlarvt zu haben glaubte, bewegt der Begriff des "Habitus" die Gemüter. Gemeint ist die Art und Weise, wie man sich, gewissermaßen geheimbündlerisch, wechselseitig in bestimmten Attitüden signalisiert, welch Gruppengeistes man zu sein meint.
Das ist ein hübsches Spiel der Macht: Denn nur, so Hartmann, wer sich fähig zeigt, fast unsichtbare Zugehörigkeitsinsignien virtuos zu handhaben, wird auch dazugehören. Ein berühmter französische Kollege des deutschen Soziologen, Pierre Bourdieu, hat diesen Tatbestand zum Kerngegenstand seines Lebenswerkes gemacht, das in der Publikation "Die feinen Unterschiede" gipfelte. Ein schöner Titel, der uns ermuntert, beim Flanieren durch die Alltagswelt des Business’ ein wenig aufmerksamer hinzuschauen. Und tatsächlich offenbaren sich zwar kleine, aber doch feine Unterschiede.
Zum Beispiel beim Nadelstreifenanzug. Auf diesem Gebiet hat, und nun kommt die Überraschung, eine Enteignung stattgefunden - ein geradezu revolutionärer Symboltransfer. Der Nadelstreif, bedeutungsschwangeres Symbol der Arriviertheit, wird in der Generation der ungeduldigen Nachwuchskräfte nicht nur kopiert, nein, er wird modifiziert, auf eine Weise, die einen ganz anderen Anspruch als die klassische Attitüde älterer Manager demonstriert. Die tragen den Nadelstreif in schweres anthrazitenes Tuch kaum sichtbar silbern eingewebt, im dreiteiligen Anzug mit Weste, und selbstverständlich mit einer Bundfaltenhose, mit Aufschlägen unten. Sommers darf es auch ein helleres Grau sein, nachtblaue Variationen sind ebenfalls erlaubt.
Derlei farbliche Konventionen ignoriert die junge Garde und geht auch sonst recht unbekümmert mit dem Anspruch auf das überkommene Führungssymbol um, kombiniert alle erdenklichen Farben mit einem weit kräftiger ausgeprägten Nadelstreif als in den klassischen Modellen: Türkis findet sich nun auf Braun, Schwarz auf hellem Beige. Doch das ist noch nicht alles: Man hat den Anzug auch einer Diät unterzogen. Ohne Bundfalte umfasst die Hose nun asketisch schlank den Leib und fällt röhrenförmig ohne Aufschlag auf den Schuh. In dieser Variante zeigt sich eine gewisse Windschnittigkeit, und genau so gehen sie auch, die Jungen. Meist mit einem Rollkoffer hinter sich. Erst später, in ernsteren Etappen der Karriere (wenn’s auch ein wenig um die Mitte herum zwickt), wechselt man dann zum Klassiker.
Dass der Nadelstreifenanzug seit geraumer Zeit auch für Frauen tragbar geworden ist, liefert ein weiteres Indiz des Wandels. Allerdings ist zu beobachten, dass sich das Grundmuster im Laufe der weiblichen Karrieren nicht verändert: Die Kolleginnen tragen von Anbeginn die farblich gedeckte Variante. Was das bedeutet, muss noch geklärt werden.
Holger Rust,geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter