
"Leckere Rezeptideen" - diese Wendung verfolgt mich in letzter Zeit: in den Tageszeitungen, in den Magazinen, im Supermarkt, im Buchhandel. Warum ist mir diese Formulierung unsympathisch?
Erstens beinhaltet sie einen falschen Bezug. Bei einem zusammengesetzten Hauptwort bezieht sich das vorangestellte Attribut immer auf das Grundwort, in diesem Fall "Ideen", nicht auf das Bestimmungswort, in diesem Fall "Rezept". Das ist derselbe Unsinn wie die "reitende Artilleriekaserne", ein klassisches Beispiel aus der Mottenkiste der Sprachpfleger, oder wie der "vierstöckige Hausbesitzer". Ganz streng betrachtet sind natürlich auch die Rezepte nicht lecker, sondern die Speisen, deren Zubereitung beschrieben wird - aber so weit wollen wir es nicht treiben.
Zweitens gefällt mir das Wort "lecker" nicht so besonders. Ottfried Fischer, der Darsteller des Bullen von Tölz, hat es einmal so in Worte gefasst: "Ich bin kein Bayerntümler, aber wenn gstandene Münchner etwas lecker finden, dieses rheinische Wort einfach übernehmen, dann ist das lingualästhetisch so unterirdisch, dass mir der Erstkommunionskuchen hochkommt." Außerdem bezeichnete er lecker als "das größte Unwort der letzten fünf Jahre". Und in einem Kabarettauftritt verschäfte er noch die Kritik: "In Niederbayern kennt man lecker nur vom Oarsch lecka."
Ich weiß, was der Grund für diese Aversion ist. Das Wort lecker wird in Österreich - und auch im Süden Deutschlands - deshalb als fremd empfunden, weil das mittelhochdeutsche Verb slecken unterschiedlich realisiert wurde: im Norden des Sprachraums eher als lecken, im Süden eher als schlecken. Eine Ausnahme ist das Götzzitat, das hat Ottfried Fischer gut beobachtet.
Was sich hier zeigt, wird von der Wissenschaft als Sprachekel bezeichnet - gemeint ist das Angewidertsein angesichts fremder Sprachelemente. Es existiert übrigens in beiden Richtungen.
Der Norden des Sprachraums reagiert irritiert, wenn er mit Sprachmerkmalen aus dem Süden konfrontiert wird, nur dass das selten vorkommt.
Als "Red Bull" vor ein paar Jahren ein Colagetränk mit dem Werbeslogan "Das Cola von Red Bull" auf den Markt brachte, gab es im Norden des Sprachraums heftige Proteste - in Zeitungsartikeln und im Internet: "Das Cola? Was für ein Quatsch! Die Cola! Die Cola!" Die sächliche Form wurde als "Sprachverdummung" gebrandmarkt. Ein Blogger aus Österreich hat die richtige Antwort gegeben: "Was glaubts denn, worüber ICH mich die ganze Zeit aufregen muss, wenn ich fernschau: ,Hatte dort gestanden . . . ,Was kann ich da denn für . . . (. . .) Was meints ihr, wie mich das fertig macht! Aber sich so über einen depperten Artikel zu beschweren. Bei allem Sprachfundamentalismus finde ich es immer noch süß, wie ihr redet, und gerade so viel Verständnis erwarte ich mir auch von euch. Also sehen wir ein, dass wir uns vor allem durch die gleiche Sprache unterscheiden und haben wir einander trotzdem lieb? Okay? Bussi!"
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter