Vor kurzem hörte ich einen Anwalt im Radio sprechen. Dabei fielen mir neben seiner sehr deutlichen Aussprache einzelner Wörter vor allem die wohlgesetzten Pausen auf, die er nach fast jedem dritten Wort einlegte. Es war eine - weitgehend seinem Atemrhythmus folgende - Akzentuierung der Sprache. Das kommt wohl davon, dachte ich mir, dass Anwälte gewohnt sind, in ein Diktaphon zu sprechen, um Aktenvermerke oder Anweisungen für ihr Sekretariat aufzuzeichnen.
Dieser Vorgang strukturiert die Rede, weil bei jeder Atem- oder Gedankenpause die Unterbrechungstaste gedrückt wird. Das kann sich zu einem eigenen Sprachhabitus entwickeln. Anwälte sprudeln daher selten wild drauf los. Es würde nicht nur ihre Klienten, sondern vor allem ihre Aufzeichnungsgeräte (und Sekräterinnen) überfordern. Mag sein, dass ein Gutteil ihrer Seriosität sich vor allem diesem wohlgesetzten Sprechen verdankt.
Davon könnten Politiker lernen. Man muss nicht unbedingt bis zum Zeitlupensprecher Bruno Kreisky zurückgehen, um an die Bedeutung langsam gesprochener Sentenzen zu erinnern. Auch Alexander van der Bellen kennt diese Tugend noch. Wobei Langsamkeit kein Wert an sich ist: Es muss schon auf jedes gravitätisch gesprochene Wort auch ein gewisses inhaltliches Gewicht fallen, damit es beim Zuhörer hängen bleibt und wie ein Anker in die Tiefe sinkt. Sonst bleiben es träge, nach oben hin entweichende Sprechblasen.
Auch die Färbung der Stimme spielt eine Rolle. So gewährte man dem brummigen Bassbariton des legendären Altkanzlers instinktiv lieber Einlass ins eigene Gehör als etwa dem höheren, leicht schnarrenden Ton des derzeitigen Amtsinhabers. Und auch der Atemrhythmus ist von Belang: So fiel mir etwa beim einstigen Wirtschaftsminister Bartenstein auf, dass dieser während seines Sprechens meist in ganz kurzen, unregelmäßigen Zügen atmet, ja fast hechelt. Das überträgt sich auf den Zuhörer, als welcher man diesen stoßweisen Rhythmus unbewusst übernimmt - und schon vom Zuhören außer Atem gerät. Mir ist immer noch ein Rätsel, wie Bartenstein mit solch einem kurzen Atem Marathon laufen konnte.
Die unangenehmste Wirkung lösen allerdings computergenerierte Stimmen aus, denen man bevorzugt in Telefonwarteschlangen oder in Wiener U-Bahnstationen begegnet. Ihre abgehackte Intonation lässt im besten Falle an "Raumschiff Enterprise"-Zeiten denken. Meist vermitteln diese zackigen, unmodulierten Reden aber das Gefühl von Kommandiert-Werden. Daher bevorzuge ich an Stelle dieser Sprachroboter die guten alten, radebrechenden Gemeindebaustimmen, wie sie bei den Wiener Linien immer dann zum Einsatz kommen, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert und gerade kein Sprachband zur Verfügung steht. Es sind meistens männliche, leicht angekratzte, bauchvoluminöse Stimmen, die in solider Grundschulbildung zwischen Dativ und Akkusativ schlingern und mitunter auch entgleisen. Hier ist man Mensch, hier will man sein.
Die Beschäftigung mit Kindern und Monstern führt einen ja zwangsläufig zur Frage, wer denn da eigentlich die größeren Ungeheuer sind: die imaginierten...weiter