Zunächst muss ich zu Protokoll geben, dass ich nichts gegen Statistik habe. Im Gegenteil, ich gehöre sogar zu jenen, die seinerzeit im Studium bei der Berechnung statistischer Kennzahlen eine gewisse Lust verspürt haben. Ja, ich kenne die Freuden der Mathematik.
Neben der Statistik als geistigem Vergnügen gibt es aber auch die Statistik als Fetisch. Es vergeht beispielsweise kein Monat, in dem nicht ein Meteorologe erklärt, dieser Monat sei, sagen wir, um 0,5 Grad "zu warm" oder "zu kalt" gewesen, womit gemeint ist, um 0,5 Grad wärmer oder kälter als der statistische Mittelwert. Ich wiederum bin 1,89 Meter groß, der Österreicher im Durchschnitt 1,78 Meter, ich weiche also von dieser Norm um 6,18 Prozent ab. (Ja, auch Prozentangaben sind sehr wichtig, wenn man sich in Kreisen von Statistikfetischisten bewegt.) Wobei ich natürlich nicht weiß, was diese Abweichung von 6,18 Prozent bedeutet: Ist mein Charakter um 6,18 Prozent schlechter oder meine Lebenserwartung dadurch höher?
Auf jeden Fall habe ich mich gewundert, wie ich bisher hier Kolumnen schreiben konnte, ohne zu wissen, dass diese Kolumnen im Durchschnitt exakt 1333,8 Zeichen enthalten. Wahrscheinlich sollte ich mich jetzt schämen, weil meine heutige Kolumne nur 1309 Zeichen lang ist, also um 1,9 Prozentpunkte kürzer als die anderen.
Artikel erschienen am 6. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 3
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