• vom 10.04.2012, 16:47 Uhr

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Update: 17.04.2012, 16:14 Uhr
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Sedlaczek am Mittwoch

Wie mit Lebensmitteln nationalistische Politik gemacht wird


Von Robert Sedlaczek

  • Slowenien will uns die Krainer Wurst wegnehmen - immerhin haben wir den Bayern den Jagatee abgeluchst. Beides ist nicht schön.

Diese Meldung hat letzte Woche für heftige Diskussionen gesorgt, nicht nur am Würstlstand: Slowenien hat bei der EU den Schutz der Bezeichnung Krainer Wurst beantragt. In Straßeninterviews haben die Wiener ihren Unmut geäußert - wie in "Wien Heute" und auf "Radio Wien" zu sehen und zu hören war. "Was? In Zukunft dürfen wir keine Krainer mehr bestellen? Ein Schwachsinn!" - "Das wäre schade, und lächerlich auch!"

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Ich bin vom ORF gefragt worden, wie dieser Konflikt entstanden ist und wer recht hat. Meine Antwort war: Krain war ursprünglich eine dem Herzogtum Kärnten vorgelagerte Region, das Wort bedeutet so viel wie Grenzland. Die Wurst wurde zu Zeiten der Habsburgermonarchie erfunden. Im Jahr 1918 ging Krain in Slowenien auf, das zum SHS-Staat gehörte. Jenes Produkt, das wir Krainer Wurst nennen, heißt auf Slowenisch kranjska klobasa - das sind idente Bezeichnungen. Übrigens: In Wien ist Klobasse die Burenwurst.

Die Krainer Wurst ist also in der Habsburgermonarchie verwurzelt, sie wurde jahrzehntelang sowohl von deutsch- als auch von slowenischsprachigen Untertanen des Kaisers in stiller Eintracht verzehrt. Die Krainer Wurst gehört beiden - den Slowenen und den Österreichern. Es ist ein multikulturelles Lebensmittel. Warum will man das verleugnen?

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache.  Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Der Vorgang ist im vereinten Europa kein Einzelfall. Vor kurzem haben die Ungarn den Italienern eins ausgewischt. Weil es in Ungarn einen traditionellen Süßwein unter der Bezeichnung Tokajer gibt - er wird aus der Furmint-Traube gekeltert -, mussten die Friauler darauf verzichten, eine autochthone Rebsorte als Tocai zu bezeichnen. Die Winzer waren gezwungen, sich einen neuen Namen zu suchen: Friulano heißt die Rebsorte heute. Ich bin in diesem Fall auf der Seite der Friauler.

Wir müssen uns freilich selbst bei der Nase packen. Wie haben doch unsere Zeitungen gejubelt, als es uns gelungen ist, den Bayern den Jagatee abzuluchsen - mit dem Argument, dass ihn Tiroler Jäger erfunden haben. Allerdings wird dieses Getränk schon seit Jahrzehnten auf den alpinen Skihütten ausgeschenkt - in Bayern genauso wie in Tirol. Die deutschsprachigen Gebiete der Alpen gehören ja nicht uns allein. Inzwischen dürfen die Bayern dieses Getränk aus Schwarztee und Rum oder Schnaps nicht mehr als Jagatee verkaufen, sie müssen es ausweichend als Hüttentee oder Förstertee bezeichnen - auch absurd.

In einer Europäischen Gemeinschaft, die sich auch in der Praxis als Gemeinschaft im wörtlichen Sinn versteht, sollte nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame Vorrang haben. Ich glaube, es geht hier primär gar nicht um wirtschaftliche Interessen. Im Grunde genommen werden in diesen Fällen Lebensmittel dazu verwendet, um eine nationalistische Gesinnung zu verbreiten. Und am Ende ärgern sich da und dort irritierte EU-Bürger über den Regulierungswahn in unserem vereinten Europa. Besonders wenn er in unseren Sprachgebrauch eingreift.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-10 16:53:04
Letzte Änderung am 2012-04-17 16:14:55


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