Als wir vor etwa einem halben Jahr beschlossen, wieder einmal ein "Wiener Journal" zur Mann-Frau-Thematik zu gestalten, war von der Lohndebatte, die das Nachrichtenmagazin "Profil" vor einigen Wochen losgetreten hat, noch keine Rede. Gleichberechtigung, so dachte ich, Jahrgang 1962, sei längst kein heißes Eisen mehr. Ich selbst habe nie Benachteiligung aufgrund meines Geschlechts erfahren und wurde von meinen Eltern in dem Bewusstsein erzogen, dass Frauen und Männer absolut gleichwertig sind. Dass ich im Laufe meines Lebens vielen Männern, aber auch einigen Frauen begegnet bin, die das nicht so sahen, war mir immer Anlass zu hitzigen Diskussionen. Bei der Recherche zu diesem Heft stieß ich auf viele unzufriedene und verunsicherte Geschlechtsgenossinnen, die ihre Rolle für sich keineswegs definiert hatten und sich obendrein mit der Frage Kinder oder Karriere herumquälen. Ja, es gibt schon viele äußerst liebevolle und verantwortungsbewusste Väter, aber kein Mann muss sich einer solchen fundamentalen Entscheidung stellen. Die bei jeder medialen Gelegenheit vorgeführten Parademütter, die ein Schippel Kinder und eine Traumkarriere unter einen Hut bringen, sind als Rolemodels wenig alltagstauglich. Zwischen Familie und Beruf aufgerieben, haben viele Frauen kein Potenzial mehr für den Willen zur Macht.
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