Was mir zu Ostern auf Mallorca aufgefallen ist: Schweißtreibende Betätigung in freier Natur, die nicht der Arbeit, sondern ausschließlich dem Vergnügen dient, nimmt überhand in diesem Leben. Bei uns spürt man das noch nicht so sehr. Aber dort, und zwar gerade wenn der mediterrane Frühling in voller Blüte steht, wird’s fürchterlich. Dann fallen die Radfahrer über die Insel her.
Nicht dass ich grundsätzlich etwas dagegen hätte. Jeder Festangestellte braucht sein Freizeitvergnügen. Und die höheren Stellen natürlich auch. Das ist schon einzusehen. Aber es geht um Bescheidenheit und Eleganz. Beides geht hier ab.
Neonbunte Spezialfasertrikots in Konfektionsgröße Knalleng passen einfach nicht auf jeden Körper. Und diese seltsamen Radlerhosen mit ihren doppelt aufgepolsterten Hinterteilen auch nicht. Gesund mag das womöglich sogar sein. Aber irgendwie stören die das Gesamtbild. Besonders da sie hauptsächlich in Rudeln posieren.
Wo eben noch das Rauschen der Bäume im Wind zu hören war, hast du plötzlich nur noch das Surren der Rennräder im Kopf. Schon wieder ein Pulk um die Kurve gesaust. Aber das geht noch. In freier Landschaft gewöhnst du dich an die Dinger wie an die lästige Wolke, die immer wieder mal kurz vor der Sonne steht. Schlimmer wird es, wenn du sie in Dörfern triffst. Wo sie Rast machen. Wie seltsame Käfer aus einem anderen Universum zeigen sie sichtlich stolz erstens ihre Erschöpfung und zweitens ihre Ausrüstung her. Mit normalen Rädern hat das nicht mehr viel zu tun. Einer hatte sogar eine Helmkamera dabei, mit der er das Geschehen dokumentiert. Nicht nur in freier Fahrt. Auch im Wirtshaus.
Womit ich am Punkt bin: Mit Adrenalin, Glücksgefühlen und Schweißausbrüchen vollgepumpte Aktiv-Urlauber, die in fragwürdiger Kleidung auf hochgetunter Technik durch enge Kurven rasen und mich dann auch noch beim Kaffee belästigen, gehören in einen
Science-fiction-Film. Aber sicher nicht auf meine Freudeninsel. Weshalb ich die Slow-Bike-Bewegung gegründet habe. Nächste Ostern auf Mallorca will ich in einem rohweißen Leinenanzug auf einem alten Waffenrad zum Beispiel werden. Jeder Hügel wird schiebend genommen, jede Abfahrt gemächlich, und wenn der Regen auch nur tröpfelt, wird grundsätzlich und gelassen das nächstgelegene Wirtshaus aufgesucht. So kommt man vielleicht nicht weit, aber dafür wenigstens weiter. Und die Profi-Bike-Urlauber fahren schließlich auch nur im Kreis herum. Anders geht’s auf einer Insel gar nicht. Also wie weit kommen die?
Artikel erschienen am 27. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47
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