Unser alljährlicher Frankreich-Osterurlaub führte meine Tochter und mich heuer nach Paris. Mir wäre ja ein kleiner Ort mit weniger Trubel, Attraktionen und ohne Menschenmassen lieber gewesen - aber schon ein halbes Dutzend Mal in Frankreich gewesen zu sein und dabei die wohl berühmteste Hauptstadt der Welt noch nicht gesehen zu haben, das war für mein Kind einfach nicht länger akzeptabel. Also buchte ich ein nicht allzu teures Hotel - Paris in der Karwoche, kein leichtes Unterfangen - und stellte ein Programm zusammen, das die hauptsächlichen Sehenswürdigkeiten, einige Kaffeehäuser, ein wenig Einkaufen, Lokale für den Abend und eine Prise Kultur beinhaltete.
Mein letzter Parisaufenthalt datiert aus den neunziger Jahren - also gewissermaßen aus dem falschen "Fin de Siècle - und hatte sich über ein verlängertes Wochenende im Anschluss an eine Dienstreise erstreckt. Bereits damals war mir Paris viel zu trendig erschienen - verglichen damit, wie ich die Stadt an der Seine in den sechziger und siebziger Jahren kennengelernt hatte: pittoresk, ein wenig ungepflegt, man könnte auch "schmutzig" sagen. Von alldem hatte Paris früher eine Menge zu bieten: Von den großen Boulevards zweigten Hausdurchgänge ab, in denen kleine, höhlenartige Läden angesiedelt waren, wo Schmuck zweifelhafter Herkunft verkauft wurde; in ruhigen Cafés konnte man Billard spielen, und bis vor 40 Jahren standen dort, wo heute wieder großartig umgebaut wird, die berühmten Markthallen.
Eines hat mich bei meinem ersten Paris-Besuch, ich war damals zehn Jahre alt, besonders fasziniert: Aus viereckigen Auslässen an den Gehsteigkanten floss Wasser in das Rinnsal und schwemmte allen Unrat - von Zigarettenstummeln über entwertete Métrobillets bis zu fauligem Obst - weg. Um das kleine Bächlein in die gewünschte Richtung zu lenken, wurde an die entsprechende Seite des Auslasses ein zusammengerollter Fetzen gelegt.
Meine Tochter, mittlerweile 15 Jahre alt, hatte verständlicherweise andere Vorlieben. Am ersten Tag fanden wir zu ihrer Freude ein Paar rote Schuhe, das ihre löchrigen Converse ablöste. Die nächtliche Bootsfahrt auf der Seine war ein voller Erfolg, den Eiffelturm mussten wir mehrmals besuchen, Montmartre mit seinen Souvenirgeschäften war urcool und die Place des Vosges auch ganz okay.
Mir ging wiederum der Charme vergangener Tage ab: die Schießbuden auf den Boulevards, die zwielichtigen Juweliergeschäfte und die unzähligen Programmkinos im Quartier Latin. Stattdessen: Irish Pubs, sündteure Esslokale, aber keine Schießbuden mehr. Als wir jedoch im nunmehrigen Bobo-Viertel Marais eine Straße überquerten, lag er an seinem gewohnten Platz: der Fetzen im Rinnsal, der dem schmalen Wasserstrom die Richtung vorgab. Für einen kurzen Moment war das Paris, wie ich es von früher kannte, wieder auferstanden.
Hans-Paul Nosko,geboren 1957, lebt als Journalist in Wien.
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