
Ich mag Spiegeleier, Frühstückseier, Ostereier, Fabergé-Eier, Fischeier . . ., aber Kolumbus-Eier, die sind doch ein einziger Beschiss. Der Kolumbus hat eindeutig geschummelt. Ohne Genierer. He, wenn ich gewusst hätte, dass ich das Ei kaputtmachen darf . . .
Ein hartgekochtes Hühnerei auf den Tisch zu klatschen, das ist ja wohl keine Kunst. Andererseits: Was ist Kunst? Kunst ist womöglich, wenn man trotzdem kann, obgleich man eigentlich nicht muss. Denn Kunst kommt schließlich nicht von Müssen. Sondern? a) Jedenfalls nicht von Können. b) Von "Sie können mich malen". (Malen? Tschuldigung: ohne "en"!) c) Sehr wohl von Können. (Und Kondom kommt von Kommen.) Nicht können macht aber auch nichts. Und nichts machen schon gar nix. (Das nennt man dann Konzeptkunst.)
Ach, dem Kolumbus hat man das Ei vermutlich eh bloß untergeschoben. Und das Ei des Kolumbus ist in Wahrheit ein Ei des Kuckucks. Ein gewisser John Horton Conway kann sich freilich auf keinen Kuckuck herausreden. Aber er kann mildernde Umstände geltend machen: Er ist Engländer. Und die haben bekanntlich einen speziellen Humor. Noch dazu ist er ein Mathematiker. Und gegen deren Humor ist der englische sowieso britisch. Was ich ihm vorwerfe? Perverse Grausamkeit. In den Wahnsinn wollt’ er mich treiben mit seiner Rechnerei. Und die reimt sich immerhin auf Hühnerei! Zuerst hat er mir ein paar Zahlen vorgeworfen. Als Köder. (1, 11, 21, 1211, 111221.) Um mir dann den Rest zu geben: "Wie lautet die nächste?" Die Lösung war nämlich viel zu primitiv, als dass ein hoch entwickelter Verstand sie hätte finden können. Was ist das überhaupt für ein komischer Binärcode? Besteht so was nicht aus Nullern und Einsern? (Okay, damit würd’s zur Not ebenfalls gehen: 0, 10, 1110 . . .) Irgendwann war ich völlig demoralisiert und hab’s gegoogelt. 312211? Soll das ein Witz sein? Ich will sofort meine verplemperte Zeit zurück! Keiner hat mir gesagt, dass auch Dreier erlaubt sind! (Sonst wär’ das natürlich watscheneinfach gewesen.) Und was ist die Fortsetzung der Reihe 0, 10, 1110? 3110. (Logisch.)
So enttäuscht, wie mich dieser Brite hat, so beeindruckt hat mich ein Steirer: schwer. (Mit seiner künstlerischen Interpretation des Kolumbus-Eies.) Am 16. Februar 2007 durfte ich einem historischen Ereignis beiwohnen. Und selbst wenn das, was da im Atelier passiert ist, keine Welt-Premiere gewesen sein sollte: Für ein Post-it war es das erste Mal. Es ist auf seiner eigenen unteren Kante gestanden, ohne umzukippen wie die Krone der Erschöpfung. Und wie dressiert man so ein Notizzetterl? Man kann ihm ja nicht einen tintetriefenden Kuli hinhalten. Als Leckerli. ("Mach Männchen!") Und es richtet sich auf wie ein Pudel. Oder doch? Nein, sein Besitzer hat es unten eingerissen (entlang der Mittelachse), den einen Schenkel nach vorn gebogen, den andern nach hinten und es stand. Oh, es macht einen Schritt! Zwar nur den einen, doch mit dem hat es absolutes Neuland betreten: den Raum. Das Post-it erhebt sich aus seinem platten Dasein und marschiert in die dritte Dimension hinein. Vielleicht sogar eine pionierigere Tat als die Mondlandung. Weil der Neil Armstrong war ja schon vorher dreidimensional. (Und den Moonwalk bringt dem Post-it sicher auch noch irgendwer bei.)
Sommertheater lässt sich als Phänomen entgegengesetzter Pole beschreiben: einerseits als Gipfeltreffen von Branchenstars und Hochkultur-Adabeis -...weiter