Unlängst fahre ich mit der U-Bahn. Neben mir eine Reisende mit Rucksack, der gerade so hoch sitzt, dass er, als sich die Unbekannte umdreht, einen Treffer in meiner Magengrube landet. Geschickt ausweichen wie seinerzeit Muhammed Ali kann ich auch nicht, da neben mir ein Mensch steht, der an etwas Unförmigem nuckelt, das ein Hamburger sein könnte und ich bei nur einer einzigen falschen Bewegung ihm einen beträchtlichen Anteil seines Ketchups wegtunken würde, wonach ich vermutlich aussähe wie ein Gespenst, das den Tiefen der U-Bahn-Schächte entgestiegen ist. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an die Haltestange vor mir zu klammern, während der Zug durch die letzte Kurve vor der nächsten, der erlösenden Station schaukelt.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin kein Menschenfeind und ich kann auch körperliche Nähe angenehm finden. Aber manchmal sehnt man sich doch nach ein wenig Abstand. Wenn man bedenkt, dass die Erdoberfläche zu mehr als 70 Prozent aus Meer besteht und die Menschen auch einen großen Teil von den restlichen 29 Prozent nicht bewohnen, sondern sich auf einer viel geringeren Fläche zusammendrängen, dann müssen sich ja die Fische im Ozean krumm und dumm lachen, sofern sie sich natürlich überhaupt eine Fahrt mit der U-Bahn zur Stoßzeit vorstellen können.
Artikel erschienen am 4. Mai 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 3
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