Wissen Sie, wer Sabrina Dacos ist? Nein? Dann brauchen Sie sich nicht zu schämen, denn es ist gewiss keine Bildungslücke, diesen Namen nicht zu kennen. Ja? Dann müssen Sie sich in unseren libertären Zeiten zwar auch nicht unbedingt genieren - aber Sie sollten immerhin zugeben, dass Sie nicht nur honorige Ziele ansteuern, wenn Sie die Weiten des Internets durchsurfen.
Wie viele Menschen betreibt die Amerikanerin Sabrina Dacos einen Blog, den sie eifrig mit eigenen Fotos füttert. Und das einzige Objekt ihrer Fotoleidenschaft ist sie selbst. Sie zeigt sich in Posen, die man - je nach moralisch-ästhetischem Standpunkt - entweder als "erotisch" oder als "pornographisch" empfinden wird. (Auch damit ist sie nicht alleine; viele junge Frauen stellen Selbstporträts ins Netz, auf denen sie sich möglichst sexy präsentieren.)
Allerdings enthält der Blog nicht nur Fotos, sondern auch Postings in großer Zahl. Sabrinas Verehrer streiten dort mit ihren Verächtern: Die einen loben ihre Attraktivität und Freizügigkeit, die anderen bemängeln anatomische Besonderheiten ("Dein Busen ist zu klein!"), und meinen, eine Frau, die keinen perfekten Körper habe, solle die Menschheit mit ihrem Anblick verschonen. Trotzdem schauen auch die Unzufriedenen immer wieder in den Blog hinein - und wäre es auch nur, um ihren Unmut über das Gesehene zu bekunden.
Sabrina Dacos beteiligt sich an diesen Debatten mit sparsamen Kommentaren: Spöttisch, selbstsicher, kokett, und im Ganzen den Herren, die sie anhimmeln oder beschimpfen, deutlich überlegen. Es ist also keineswegs ausgemacht, wer hier mit wem sein frivoles Spiel treibt. Aber in jedem Fall drängt sich der Eindruck auf, dass die Frau, die sich da provokant zur Schau stellt, alles andere als ein Dummkopf ist.
Apropos Kopf: Bei aller Offenheit gibt es einen Körperteil, den die Fotografin verheimlicht, und das ist ihr Gesicht. Auf manchen Bildern ist es von ihren langen Haaren verdeckt, manchmal ist es auch einfach abgeschnitten. Meistens aber versteckt es sich hinter der Kamera, die den nackten Leib im Spiegel ablichtet.
Es versteht sich, dass dieses fehlende Detail die Fans fast mehr beschäftigt als alles, was ihnen gezeigt wird. "Warum verbirgst du immer dein Gesicht?" wird gefragt, und die Antwort der Künstlerin lautet kurz und bündig: "Because I don’t want to be recognized." ("Weil ich nicht erkannt werden will.")
Zugegeben, es gibt wichtigere Dinge in der Welt als den Blog einer narzisstischen Amerikanerin. Aber ganz uninteressant ist er nicht, denn er bietet ein anschauliches Beispiel für jene neue Art der verhüllenden Selbstdarstellung, die der virtuellen Realität angemessen ist: Eine junge Frau, die außerhalb des World Wide Web sicherlich einen anderen Namen führt als im Netz, präsentiert ihren Körper in immer neuen, scheinbar intimen Bildern, sorgt aber zugleich dafür, dass sie nicht erkannt wird. Sie zeigt also gar nicht sich, sondern lediglich ihre Nacktheit, die so zu einer besonders raffinierten Spielart der Verkleidung wird.
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