Was den modernen Menschen vom Nomaden unterscheidet, sind seine Bücher. Das wurde mir am Wochenende klar, als ich zwei Freunden beim Umzug half. Der eine wird Vater und gibt seine Wohnung in Hernals auf, der andere wird älter, und zieht von seiner WG in die Mariahilferstraße. Volle Bücherregale haben sie beide. Und deren Inhalt ließ uns gehörig schwitzen. Betten, Kästen und Polstermöbel - auch kein Vergnügen. Aber nichts wiegt schwerer als die vielen Umzugskartons mit Wälzern und Folianten.
Anders als bei Waschmaschine oder Wandverbau, ist es nicht leicht, Bücher zurückzulassen. Es gilt das Brot-Tabu: "Das wirft man nicht weg", pflegte meine Großmutter zu sagen und verarbeitete trockene Rinden zu Semmelbröseln und Scheiterhaufen. Aber was bitte, außer Verborgen, soll man mit alten Büchern tun?
Dass wir uns so schwer von ihnen trennen, liegt wohl an den Emotionen, die sich daran binden. Ich erinnere mich an meinen ersten längeren Aufenthalt in den USA, eine Rundreise, organisiert von einer Journalistenorganisation. Vier Monate lang sog ich das Neue auf wie ein trockener Schwamm: Zeugen dieses Trips waren drei, vier Dutzend Bücher, die ich später zum günstigen Posttarif per Schiff in die Heimat sandte. Eines dieser Pakete - ich hatte es längst abgeschrieben - kam mit achtmonatiger Verspätung. Es hatte einen Umweg über die Weltmeere bis nach Brisbane genommen: In einem fleckigen Sack aus Segeltuch, fest verschlossen mit einer Kette und versehen mit unzähligen Aufklebern und Poststempeln, gelangte es letztlich zu mir.
Die Bücher aus dem Sack erinnern mich bis heute an diese Zeit. Bei anderen Büchern, selbst den weniger gereisten, ist es ähnlich: Sie wecken Erinnerungen an Momente, in denen ich sie las, warum ich sie zu lesen begann, und wer sie mir empfahl. Mit ihren abgegriffenen Seiten, den Eselsohren, Unterstreichungen und Notizen markieren sie - wenn man so will - mein gedankliches Werden. Sie motivierten mich zu Unternehmungen. Sie eröffneten Einblicke in neue Welten oder legten Gefühle offen, die bis dahin noch nicht formuliert waren.
Vielleicht ist es der einzige Vorzug, den Bücher gegenüber ihren Nachfolgern, den digitalen Lesegeräten, haben: Dass sie sich im Bücherregal sammeln und so in ihrer Körperlichkeit der Flüchtigkeit unseres Daseins entgegenstellen. Mir scheint, das papierlose Büro verändert unser Leben weniger als das papierlose Heim. Digitale Tinte mag ressourcen-schonender, umweltfreundlicher und komfortabler sein: Aber sie nimmt uns die Möglichkeit, unsere Lebensreise vor dem Regal zu rekapitulieren. Das bisschen Schwitzen beim Umziehen ist hierfür ein fairer Preis. Oder?
Matthias G. Bernold,geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter