• vom 10.05.2012, 16:56 Uhr

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Kunstsinnig

Die Hauptstadt von Australien heißt Cranberry


Von Claudia Aigner

  • Wirkt Fluchen abführend? (Aber eh nur das "Passivfluchen". Wenn man verflucht wird. Sonst hätte der Tutanchamun ja eine Windel getragen.)



Okay, wenn überbezahlte Manager als Bußübung jeden Karfreitag statt mit dem Aktenkoffer aus Kobe-Rindsleder demonstrativ mit der Aktentasche des kleinen Mannes herumlaufen müssten (mit einem Billasackerl), würde das das Kraut auch nicht sauer machen. Mich allerdings schon. Wegen dieser provokanten Anbiederung an die Normalsterblichkeit. (Moment: Herumlaufen? Fahren die nicht mit dem Auto?) Das ist ja wie wenn ein Beamter aus Solidarität mit den Arbeitslosen einen Tag blaumacht. Die Politiker könnten freilich wenigstens so viel Anstand besitzen, ihre Dienstlimousinen mit Chauffeur als etwas volksnähere Fahrzeuge zu tarnen. Mit einem kleinen Schildchen auf dem Dach ("Taxi"). Denn schließlich gibt es in Österreich Menschen, die haben nicht einmal Geld fürs Benzin. Die halten es für obszön, wenn man nicht selber am Steuer sitzt, sondern lieber einen fahren lässt. Äh, einen Fahrer hat. Hoppala, im Taxi sitzt man ja auch hinten. Na ja, zumindest sitzt man billiger. (Sie haben kein Geld fürs Benzin? Warum zahlen sie nicht mit der Kreditkarte?)

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Man muss den Leuten ja wirklich nicht jeden Anblick zumuten. Das Fernsehen übertreibt es neuerdings aber ein bissl mit dem Wegzensurieren von Obszönitäten. Eine Doku-Soap über den australischen Zoll, die war sogar nicht nur sauber, sondern diskret. Da hat nämlich ein verdächtiger Geschäftsmann . . . ach, bestimmt Tampons geschmuggelt. Und die erlaubte Menge für den Eigenbedarf überschritten. (Ein Stück pro Nasenloch, zwei pro Tag.) Wahrscheinlich wollte er die Stöpsel mit dem praktischen Rückholbändchen zu überhöhten Preisen an verzweifelte Kokainsüchtige verkaufen, die an chronischem Nasenbluten leiden. Nein. Er hat geflucht wie ein Pharao. Doch während es früher gereicht hat, das entfleuchte F-Wort (Fart? Furuncle?) mit einem Rülpser zu übertönen (Furunkel? Wie in der TV-Serie "Mein Furunkel vom Mars"?), hat man nun gleich den ganzen Mund verpixelt. Damit man die schimpfenden Verwüstungen, äh: wüsten Beschimpfungen, auch nicht von den Lippen lesen kann. He, wo hab ich da hingezappt? Zum staatlichen Sender von Großpuritanien? Ich hätte mir schärfere Bilder erwartet, auf DMAX, dem Sender mit dem Machoslogan: "Fernsehen für die tollsten Menschen der Welt: Männer." Jedenfalls nicht dieses pixelige Gesicht. Hm. Akne hat der Tampondealer also auch? (Für den natürlich die Unschuldsvermutung gilt. Natürlich. Weil da waren ja keine Tampons.) Wieso Akne? Pixel! Nicht Pickel! Oh, vielleicht will man bloß kein Risiko eingehen. Fluchen ist ja verdammt ungesund. Bei empfindlichen Personen wirkt das wie ein Abführmittel. Der Tutanchamun verursacht zwar keine mysteriösen Todesfälle mehr, aber offenbar Durchfälle. Gut, Australien ist nicht Ägypten. (Eh nicht. Es ist jenes Land, von dem alle glauben, die Hauptstadt wäre Sydney, und in Wahrheit ist es Cranberry.) Doch wer weiß, welche Verwünschungen abergläubische Hypochonder von den puren Lippen eines Zornbinkels lesen täten, dessen Koffer beim Zoll durchwühlt wird. Womöglich: "Shit!" (Die Kurzfassung von: "Die braune Flut soll denjenigen heimsuchen, der die Ruhe meiner Socken stört oder schadenfroh dabei zusieht. Und ein Känguru mit heftiger Diarrhö soll auf deinen Salat . . .")




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Kunstsinnig, Meinung, Glossen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-10 17:02:04


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