• vom 11.05.2012, 13:30 Uhr

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diarium

Lustige Verhör-Protokolle


Von Irene Prugger

Manchmal bringt die Professorin meines Italienischkurses Schlager oder Lieder mit. Wir sollen dann einen Lückentext ausfüllen und zeigen, was wir verstanden haben. Da wir noch zu den Anfängern bzw. nur leicht Fortgeschrittenen zählen, ist das ein schwieriges Unterfangen. Wir sind schon froh, wenn wir "Amore" oder "ti amo" deutlich herausfiltern können. Beides kommt zwar in italienischen Liedern häufig vor, dennoch ist es frustrierend, so wenig zu verstehen.

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Die Beschäftigung mit italienischen Schlagertexten hatte jedenfalls zur Folge, dass ich nun auch bei englischen Liedern, die im Radio gespielt werden, genauer hinhöre. Das trug mir zuerst eine ähnlich große Ernüchterung wie bei der Italienisch-Übung ein, andererseits gibt es seitdem nahezu täglich erhellende Momente. Jahrzehntelange Missverständnisse klären sich endlich auf, wirre Wörter und Satzfetzen fügen sich auf einmal zu einem sinnvollen Text, seltsame Lautreihen schälen sich in ihrer klaren Bedeutung aus einem bisher unentwirrbaren Sangesgenuschel und bringen späte Erleuchtung.

Sogar bei deutschen Schlagern, die rätselhafte Textstellen bergen, kann man mit gesteigerter Aufmerksamkeit sinnfündig werden. Ich denke dabei nicht nur an Lieder von Herbert Grönemeyer, bei denen man stellenweise dreimal hinhören muss, um zu erkennen, dass hier überhaupt Deutsch gesungen wird. Auch bei anderen Interpreten gibt es viele Aha-Momente, der tiefere Sinn mancher Textstellen wird mir hingegen für immer verborgen bleiben.

Ein Bekannter, der in seiner Jugend eifrig ministrierte, erzählte mir, dass er und seine Freunde in der Osternacht stehts "Blumen Christi" statt "Lumen Christi" sangen. Nicht aus Jux, sondern weil sie überzeugt waren, der Text laute so. Eine meiner Freundinnen sang gerne lauthals: "Wenn i auf’d Alm aufigeah, lass i mein Sorg dahoam." Die Textzeile heißt richtig: ". . . lass i meine Sorgn dahoam." Sie hatte sich das als Kind falsch eingeprägt und fand erst dann beschämt zu den richtigen Worten, als jemand sie auf den Schrägsinn ihrer Interpretation aufmerksam machte.

Ein erfolgreiches Handbuch mit Beispielen übers Verhören hat vor einigen Jahren der deutsche Journalist Axel Hacke mit "Der weiße Neger Wumbaba" geschrieben. Der Titel entspringt dem jahrzehntelangen Missverständnis einer Textzeile des bekannten Abendliedes von Matthias Claudius, "Der Mond ist aufgegangen". Der weiße Neger Wumbaba ist die gewagte, durch ungenaues Hinhören entstandene Neuformulierung der poetischen Worte ". . . und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar".

Hat sich ein Text einmal falsch eingeprägt, ist es meistens schon zu spät. Ich werde also vermutlich auch weiterhin meine Nonsense-Texte singen, ohne Rücksicht auf den wahren Sinn dahinter. Aber ich weiß jetzt auch wieder, was es heißt, nur mit halbem Ohr hinzuhören. Es heißt so viel wie gar nichts verstehen.

Irene Prugger,geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.




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Dokument erstellt am 2012-05-10 18:20:02


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