
Vor kurzer Zeit durfte der Autor dieser Zeilen in einer Call-In-Sendung eines deutschen Radiosenders zu Gast sein. Zu dem Thema: "Tu felix Austria - Wären Sie gerne Österreicher?". Sozusagen als abschreckendes Beispiel. Zahlreiche von der bundesdeutschen Genauigkeit geplagte Anrufer haben die Annehmlichkeiten des Österreichertums besungen. "Diese Gemütlichkeit!", schallte es immer wieder aus diesen von Fünf-Minuten-vor-der-Zeit-ist-die-wahre-Pünktlichkeit und Auf-die-Reihe-kriegen-müssen gepeinigten Kehlen. Oh ja, haben wir felixe Austriaken es nicht wunderbar? Wir lassen gerne mal alle fünf gerade und den Herrgott einen braven Mann sein. Denn wir sind im Gegenzug zum durch und durch und durch organisierten Piefke gemütlich. Also gmiadlich. Denn unser Laissez-faire breitet sich auch auf der Zunge aus und deshalb wiad a net ois so ausgschbrochn, wias gschriebm is.
Und wir sind sogar inhaltlich gemütlich. Im Bahnhof Selzthal in der Steiermark gibt es beispielsweise ein Denkmal für die Zwangsarbeiter des Dritten Reichs. Der Text darauf, der an die zahlreichen Schicksale der versklavten Menschen erinnern soll, schließt mit den Worten: "Wir haben heute ein Recht auf Arbeit und können uns deshalb in diese Situation überhaupt nicht hineindenken. Es kommt deshalb umso mehr auf uns an, denn wir sind die Brücke von diesem unmenschlichen Erbe zu unseren Kindern."
Genau! Das bedeutet ganz klar und eindeutig . . . was?
Wir verstehen das alles nicht, weil wir uns dauernd rechtmäßig zum Trottel hackeln? Wir haben keine Ahnung, was wir damals gemacht haben, aber das wollen wir unbedingt der nächsten Generation aufs Aug’ drücken? Aber: "Auf uns kommt es an!"
Dabei beschränkt sich unsere sprachliche Gemütlichkeit natürlich nicht nur auf die Vergangenheit.
Die ORF-Startseite überschrieb etwa vor kurzem eine Meldung zur "Hungerkatastrophe in der Sahel-
Zone" mit dem epochalen Satz:
"Der Hunger frisst sich durch das Land!"
Das sind Formulierungen, um die uns ganz Deutschland beneidet.
Aber auch der Germane hat längst Strategien entwickelt, die eigene, lästige Gründlichkeit dialektisch zu unterlaufen. Kommt man etwa am Frankfurter Flughafen an und stellt sich brav in jene Reihe zur Passkontrolle, die für EU-Bürger vorgesehen ist und wo es dann dreimal länger dauert als bei allen anderen Schlangen, und fragt man den Zöllner dann, warum das eigentlich so ist, bekommt, man zur Antwort: "Weil wir hier am Frankfurter Flughafen sind!"
Aha. Es ist so, wie es ist, weil man hier ist, wo man ist, wo es so ist, wie es ist.
Das ist klar, logisch und sagt exakt gar nichts aus. Nicht gemütlich, aber ebenso inhaltsfrei. Also, wenn mich das nächste Mal wer fragt: "Wie geht’s?", werde ich antworten: "Oiso, wann’s ma gangat, wias ma gehn soitat, dann gangats eh. Aba so wias is, is ois grad so, dass i sagn muss: So is. Geht so."
Das ist dann hoffentlich für Deutsche wie Österreicher gleichermaßen unverständlich. Und gmiadlich.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter