
"Ohrfeige für Sarkozy" konnte man in großen Lettern in einer Boulevardzeitung lesen. Kurze Zeit später wird die Phrase auf Angela Merkel gemünzt. Ein Redakteur von ORF-Online schafft es sogar, den Ausdruck in einem einzigen Satz zwei Mal unterzubringen, er variiert nur das vorangestellte Attribut: "Die schallende Ohrfeige für die Christdemokraten in Nordrhein-Westfalen ist eine schmerzhafte Ohrfeige für Merkel."
Das haben Ohrfeigen so an sich, dass sie schallend sind. Aber es geht nicht nur um den klatschenden Laut. Seit jeher zählt die Ohrfeige zu den schlimmsten Beleidigungen, die Menschen einander zufügen können. Nicht der Schmerz steht im Vordergrund, dieser verfliegt. Was bleibt, ist der Ehrverlust. Nur wenige folgen dem Gebot der Bergpredigt: "Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!"
Woher kommt das Wort? Die einen meinen, der zweite Bestandteil geht auf mittelhochdeutsch veeg mit der Bedeutung "Streich, Hieb" zurück. Andere glauben,
dass eine Schwellung am Ohr mit einer Feige verglichen wurde. Vielleicht verwenden wir den Ausdruck "saftige Ohrfeige", weil wir an das Obst denken.
Auch über die Herkunft von Dachtel wird debattiert. Ist das Wort mit der Dattel verwandt oder haben wir es mit einem uralten Wortstamm zu tun, der "berühren" bedeutet hat?
Dann gibt es noch die Watschen, deren Herkunft ebenfalls unklar ist. Vielleicht ist das gleichbedeutende mittelhochdeutsche Wort orewetzelin verballhornt worden. Watschen ist der Standardausdruck in unseren Mundarten, das Wort hat in der Einzahl ein -n, wie andere Feminina auch. Mich amüsiert es, wenn Journalisten das -n weglassen, um dem Wort einen hochsprachlichen Charakter zu geben: "Der Politiker XY hat eine Watsche bekommen."
Wenn einer nicht die andere Wange hinhält, sondern Gleiches mit Gleichem vergelten will, dann gibt er eine "Retourwatschen". "Dem Dreck a Watschen geben" bedeutet, eine Sache noch peinlicher machen. Wenn jemand "am Watschenbaum rüttelt", dann bettelt er mit seinem Verhalten um eine Ohrfeige. "A gsunde Watschen" ist eine Erziehungsmethode, die als überholt gilt. Der Kärntner Bildungsreferent Uwe Scheuch (FPK) meint allerdings, dass Lehrer hin und wieder "Tetschen" austeilen sollen - das Wort gehört zu mittelhochdeutsch tetschen (klatschend aufschlagen).
Vielleicht meinen es die Wähler gut mit den Politikern. Lutz Röhrich schreibt in seinem "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten": "Solche Schläge galten im Volksglauben früher auch als übelabwehrend und heilkräftig. Man sprach ihnen erlösende und krankheitsbannende Wirkung zu, besonders dann, wenn sie ein mit göttlicher Gnade und Kraft erfüllter Herrscher einem Kranken verabfolgte, der darum gebeten hatte."
Heute ist es umgekehrt. Das Volk ist der Souverän und die Politiker sind die Kranken. Sie betteln um eine heilvolle oder erlösende Watschen.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter