Wenn wir morgens in höchster Eile mit dem Auto in Richtung Schule brausen, fahren wir den unteren Teil des Schotterwegs im Wald kurz vor der asphaltierten Straße dennoch im Schritttempo. Denn irgendwo dort lebt ein sehr wildes Wildkaninchen, das als Morgensport die Gefahr sucht. Es springt von der Böschung auf den Fahrweg, rennt zwei oder drei Meter vor uns dahin und rettet sich dann wieder auf die Böschung. W. meinte, es gebe bei uns keine Wildkaninchen. Hase ist es keiner, da bin ich sicher, insbesondere seit ich in der Mähwiese neben der Kuhweide ein Hasenjunges entdeckt habe. Das Häschen war nicht nur größer, sondern hatte viel längere Ohren als unser Kamikaze-Läufer.
Das Wildkaninchen stammt, so habe ich im Netz gelesen, ursprünglich aus Spanien. Von dort breitete es sich auf ganz Europa aus. In Tirol siedelte es der berühmteste aller berühmten Tiroler Jagdherren an, nämlich Kaiser Maximilian. Bisher hat unser Kaninchen sein Schicksal fünfmal herausgefordert. An die Westseite unseres Hauses grenzt ein kleiner Wiesenhang, dessen Charakter der Fachmann mit dem Wort "Trockenrasen" beschreibt: Weil die Humusauflage sehr dünn ist und nie gedüngt wird, wachsen da zahlreiche Wiesenblumen: Margeriten, Kuckucksnelken, Wiesensalbei, Taubenkropf, Augentrost, Wiesenbocksbart und Ackerwitwenblume machen den gehätschelten Gartenblumen in den Beeten darunter erfolgreich Konkurrenz. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge tummeln sich im ersten Stock. Zu ebener Erd gehen Blindschleichen auf die Jagd. Und im Keller wohnen ziemlich laute unsichtbare Grillen.
Wie viele Blindschleichen auf dem Hang herumkreuchen, ahnen wir allerdings erst, seit diese auf dem Speisezettel der Hühner stehen. Unsere Henne Conny ist kulinarisch die aufgeschlossenste: Sie nimmt nicht nur Bananen, Ananas- oder Melonenreste, nein, sie fliegt regelrecht auf Blindschleichen. Und die Artgenossen haben schnell gelernt. Der Anblick eines Huhnes, das eine zwischen dreißig und vierzig Zentimeter lange, sich heftig windende Schleiche im hoch erhobenen Schnabel davonträgt, ist höchst überraschend. Nicht zuletzt auch deshalb, weil alle anderen Hühner und der Gockel dann hinter der schneeweißen Conny herrennen, um ihr den widerspenstigen Leckerbissen abzujagen. Auf diese Weise umrundet das Hühnervolk das Haus mehrmals, und am Ende erhaschen wohl die meisten einen Bissen vom Festessen.
Wir leben umgeben von Tieren, über die wir kaum etwas wissen. Wir sehen eine Blindschleiche und ahnen nicht, wie viele Brüder und Schwestern im Gras herumkriechen. So ist es gut möglich, dass "das wilde Kaninchen" eine ganze Jugendbande ist, die unser Auto für eine Mutprobe benutzt.
Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
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