
Laura will sich mit ihren Freundinnen ausmachen, am nächsten Wochenende zu einer Party zu gehen. Alle sind zunächst einverstanden, nur eine schert plötzlich aus. "Ich werde nicht kommen", sagt Babsi. Laura schaut ihre Freundin verärgert an: "Weil?" Babsi freut sich, dass sie es gleich ausposaunen kann: "Weil - ich habe einen neuen Lover. Da ist Zweisamkeit angesagt."
Aus sprachlicher Sicht ist dieser Dialog in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Laura fragt nicht mit "warum", "wieso" oder "weshalb", sondern mit "weil". Sie verwendet nicht eines der üblichen Fragewörter, sondern ein Bindewort. Warum sie das tut? Vielleicht glaubt Laura, dass Babsi eher antworten wird, wenn sie mit "weil" fragt. Laura beginnt also einen Nebensatz mit "weil" und fordert Babsi auf, den Satz zu Ende zu führen.
Man kann diese ungewöhnliche Verwendung von "weil" furchtbar finden. Auch ich gehöre zu jenen, denen das auf die Nerven geht. Die Praxis reißt aber in der Alltagskommunikation immer mehr ein. Es scheint ein Bedürfnis zu geben, das Wort "weil" auch als Fragewort zu verwenden. Alle Fragewörter beginnen mit einem w - auch "wer", "was", "wo" etc. - da passt "weil" gut dazu.
In zweiter Linie ist Babsis Antwort bemerkenswert. " . . . weil - ich habe einen neuen Lover." Sie verstößt damit gegen das Prinzip, dass "weil"-Sätze mit Verb-Letztstellung gebildet werden müssen: " . . . weil ich einen neuen Lover habe." Babsi setzt also den Nebensatz so fort, wie wenn er mit "denn" eingeleitet worden wäre. In diesem Fall ist eine Verb-Zweitstellung zulässig: "Ich komme nicht zur Party, denn ich habe einen neuen Lover!" Man könnte es auch so sehen: Das Wort "weil" verdrängt das Wort "denn".
Die falsche Wortstellung in "weil"-Sätzen ist inzwischen weit verbreitet, sie findet sich sogar schon in literarischen Texten. Lektoren lösen das Problem so, dass sie nach "weil" einen Gedankenstrich machen. "Ich komme nicht zur Party, weil - ich habe einen neuen Lover." Mit dem Gedankenstrich soll signalisiert werden, dass etwas fehlt. Wir müssen einen Nebensatz mitdenken: "Ich komme nicht zur Party, weil Folgendes eingetreten ist: Ich habe einen neuen Lover." Es scheint auch für die "weil"-Sätze mit Gedankenstrich ein Bedürfnis zu geben, sonst würde dieses Phänomen nicht überhand nehmen.
Was war früher da? Die "weil"-Sätze mit falscher Wortstellung oder die Verwendung von "weil" als Fragewort? Das lässt sich schwer sagen. Jedenfalls schaukeln sich die zwei Phänomene gegenseitig auf.
Wenn wir sie als falsch empfinden, dann heißt das noch lange nicht, dass es die nächsten Generationen genauso sehen werden. Vielleicht werden die Grammatiker eines Tages sagen: "Es ist vielleicht nicht ganz richtig, aber wenn diese Phänomene so weit verbreitet sind, dann können wir sie nicht mehr als falsch einstufen." Die Kriterien "richtig" und "falsch" taugen bei der Sprache höchstens für eine subjektive Momentaufnahme.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter