"Mein Hund ist gerade gestorben", schrieb Tom Cruise auf Facebook. "Gefällt mir", antwortete Justin Bieber. So weit, so typisch, würde man urteilen, hätte der kanadische Heintje-Epigone nicht sofort "sorry" gesagt. Er habe eigentlich auf den Kommentar-Knopf drücken wollen, aber einen "fat finger" gehabt.
Wer in die Zwischenräume virtueller oder realer Tastaturen gerät, die Wegstaben verbuchselt oder sonstwie auf einer Taste hängen bleibt, der hat solch einen fat finger. Er sorgt nicht nur für soziale Misstöne, wenn er "Like-Buttons" irrtümlich antippt. Er hat auch schon Millionen zu Milliarden und aus kleinen Geschäften große Börsenkräche gemacht, denn er kann in einem Sekundenbruchteil die Welt verändern.
Schon im Kalten Krieg schwebte der fette Finger über dem sprichwörtlichen roten Knopf. Der Gedanke, dass die Welt aus Irrtum untergeht und nicht legitim im Kampf um die richtige Weltordnung, bereitete damals vielen Strategen Kopfzerbrechen. Ein typischer Fat-Finger-Fall war auch das viele Eisen im Spinat. Er enthält pro Pipette keineswegs 35, sondern nur 3,5 Milligramm des leckeren Metalls. Dennoch wurden die geburtenstarken Jahrgänge zu Feinden des grünen Gemüses, weil sie zwanghaft damit ernährt wurden.
Jetzt, wo Bruttonationalprodukte praktisch nur noch durch Tippen auf Tastaturen erzeugt werden, herrscht natürlich Fat-Finger-Hochkonjunktur. Es beginnt mit dem täglichen Fluch im Büro, wenn man wieder einmal ausgesperrt wird, weil man sein Passwort gefettfingert hat, und endet mit einem Zuschlag für die Olympiade. Ja, es könnte sich wirklich so zugetragen haben. Die britische Tageszeitung "Guardian" berichtete, dass sich damals in Singapur in der kritischen dritten Wahl-Runde ein Funktionär zugunsten Londons vertippt haben soll.
Egal, ob man im Leben mit dem Zufall rechnet oder an die Vorsehung glaubt, irgendwo muss sich der Himmel offenbaren oder die Fehlerstatistik beweisen. Da die Welt voller Tastaturen ist, wurde der fette Finger zum bevorzugten Organ der höheren Gewalt.
Die Hände wurden dereguliert und machen jetzt, was sie wollen. Die gebotene Eile der Hochleistungsgesellschaft hat das Konzept der flachen Hierarchien bis in die Fingerspitzen ausgedehnt. Ein Blick auf die Finanzwirtschaft genügt für die Hypothese, dass die schlimmen Finger das Sagen haben. Aber ist das Syndrom nicht schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen?
Noch gut ein Jahr bis zur Wahl, doch knapp davor werden wieder 40 Prozent nicht wissen, was sie in der Wahlzelle wollen. Das ist nicht nur ein Armutszeugnis für die Politik. Wir leben doch längst auch in einer Fat-Finger-Demokratie, die launenhaft zwischen "Gefällt mir" und "Gefällt mir nicht" schwankt. Die fiebrige, rastlose Entscheidung ist der Modus der Zeit. Dort liegt der Hund begraben.
Sommertheater lässt sich als Phänomen entgegengesetzter Pole beschreiben: einerseits als Gipfeltreffen von Branchenstars und Hochkultur-Adabeis -...weiter