• vom 13.07.2012, 13:00 Uhr

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Update: 13.07.2012, 14:32 Uhr
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Diarium

Neulich beim Psychiater


Von David Axmann

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"Machen Sie sich’s bequem", sagte der Psychiater aufmunternd, "entspannen Sie sich, so gut das auf diesem alten Diwan halt möglich ist." Und während ich in eine Relaxruhelage zu geraten suchte, setzte der Seelenarzt erst sich selbst und sodann die Erklärung hinzu: "Ich wollte mir ja schon längst ein neues Sofa anschaffen. Aber die Verhältnisse, wie’s bei Brecht heißt, sie sind nicht so." - "Wem sagen Sie das, Herr Doktor." - "Also, was bedrückt Sie?"

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Unbequem am Rücken liegend hob ich an zu klagen: "Nun, es mag sozusagen normal, weil in der Natur des Menschen verankert sein, dass er sich, je nach Talent und Temperament, mehr von der Resignation oder von der Empörung durchs Leben leiten lässt, und für jeden Verhaltenszustand den je passenden philo- oder theosophischen Wegweiser zur Hand hat. Der Lauf der Welt nimmt freilich auf die persönliche Befindlichkeit wie auf die individuelle Anschauung keinerlei Rücksicht, worauf die Klugen bereits in der Jugend kommen, die Theoretiker nie. Jedenfalls stelle ich mit fortschreitendem Alter immer klarer fest, dass mich das Besondere mehr schmerzt als das Allgemeine, das mich der Mitläufer des falschen Fortschritts peinlicher berührt als dieser selbst."

"Werden Sie konkret", grunzte der Mediziner. - "Ich gebe Ihnen ein Beispiel: die geplante Zentralmatura. Sie ist bekanntlich umstritten. Hauptsächlich wegen ihrer Substanz. Es geht jedoch in dieser Reformsache nicht nur um die innere, sondern auch um die äußere Qualität. Nicht nur um den Inhalt der Zentralmaturathemen, auch darum, wie sie zu den Maturanten gelangen. Da alle die gleichen Startbedingungen haben müssen, dürfen die Themen erst am Morgen des Maturatags den Schulen übermittelt werden, und zwar per E-Mail. Doch was passiert, wenn das nicht klappt? Bei Stromausfall, Serverdefekt oder - wie ein Sektionschef zu bedenken gibt - bei Bombenalarm in einer Anstalt! Dann heißt’s: Zentralstopp! Die ganze Veranstaltung muss abgesagt werden. Die bereits übermittelten Themen wären Makulatur. Kurzum, ein Scherzbold, der eine Bombendrohung loslässt, legt die Reform lahm."

"Ist das alles?", brummte der Doktor. - "Nein", erwiderte ich. "Problematisch erscheint mir allzu oft auch der Zustand der lokalen Theaterkritik. Bei der Wiener Festwochenaufführung von "The Master and Margarita" hat ein Kritiker geschrieben: ‚Es geht um Erlösung durch Liebe.‘ Was André Heller vorab im Parkett sagte, genügt zum Basisverständnis des weltliterarischen Wunderwerks. Das wirft Fragen auf. Ist der Kritiker in Hellers Begleitung gekommen? Ist er absichtsvoll in dessen Nähe gesessen, nämlich in der Hoffnung, durch des Feuerkopfs Werkanalyse das Loch seiner Unbildung zu stopfen? Welches sich ja in der freudigen Zustimmung zu Hellers Deutungssatz auftut, der von gleicher Aussagequalität ist wie etwa die Behauptung, im ,Hamlet‘ gehe es um ein Schlossgespenst und dessen Sohn."

"Ihre Sorgen möcht‘ ich haben", stöhnte mein Psychiater. - "Ich nicht."




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Glossen, Extra, Diarium

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-13 10:26:02
Letzte Änderung am 2012-07-13 14:32:35


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