• vom 20.07.2012, 18:29 Uhr

Glossen


Glossenhauer

Aus gegebenem Anlass: Scheiße!




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Der Held prügelt sich im Western mit den Bösen und rettet, was zu retten ist. Aber eines tut er nicht: Er geht nie aufs Klo.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair. Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Der Wilde Westen. Der Böse, vor allem der Mexikaner, lächelt verschmitzt und unrasiert. Gerade zieht er sich verschwitzt und verdreckt in sein kleines Holzhütterl zurück, um dort genussvoll einen Kupferziegel nach dem anderen in die Landschaft zu setzen. Und dann kommt er erleichtert wieder raus und ... wird vom Guten über den Haufen geknallt. Im Namen der Gerechtigkeit, sagt der. Vielleicht aber auch nur, weil er neidisch ist, dass der Mexikaner so entspannt kacken kann. Er, der Gute, darf das nämlich nicht.

Oder hat jemand schon Kapitän Kirk koten sehen? Gut, bei diesen Raumanzügen ist das fast unvorstellbar.


Oder hat man in insgesamt neun Stunden "Herr der Ringe" Frodo, Gandalf, Aragon oder wenigstens einen dieser Elfen ein einziges Mal auch nur furzen hören? Nein. Dauernd Orks bekämpfen, mit Wesen aus der Unterwelt ringen und sich durch unwirtlichste Landschaften schleppen, aber all das wirkt sich in keinster Weise auf den Darm aus.

Und das, wo doch dauernd dieser Golum (übrigens, eine der gelungensten Herbert-Kickl-Parodien, die ich kenne) um einen herumtanzt. Da möchte man doch sofort ... aber nein. Wer sich auf der moralisch richtigen Seite befindet, der hat keinen Stoffwechsel.

Und jetzt stellen wir uns mal vor, Clint Eastwood, Spock, Gandalf und - sagen wir mal - Spiderman gehen zusammen in dieses total angesagte Edelbeisl im sechsten Bezirk, wo man zur italienisch-asiatischen Hausmannskost den letzten Spitzenwein vom Must-Have-Winzer reicht. Dort verspachteln sie dieses überteuerte Käsekrainer-Gazpacho an Sojasprossen und Wasabi-Sojasauce oder die Leberkäsfrühlingsrolle mit Bärlauchpesto. Und dann erheben sie sich. Voll Edelmut schreiten sie zur Toilette. Und dort sitzen sie schließlich mit hochrotem Gesicht und pressen unter Schmerzen und Stöhnen das Endprodukt in die Kanalisation.

Ja, egal, wie edel die Speise oder der Esser, am Ende kommt doch nur eine braune Wurst heraus. Und genau daran will man nicht erinnert werden.

Das würde die Übermenschen auf Normalgröße reduzieren.

Und das ist letztlich auch der wahre Grund, warum gerade der Papst das Satire-Blatt "Titanic" geklagt hat. Denn es hat gewagt, ihn vorne mit gelbem und hinten mit braunem Fleck darzustellen. Und doch - abgesehen davon, dass "Humor" vom lateinischen Wort für "Körperflüssigkeit" kommt - geht es hier nicht um Persönlichkeitsrechte oder Blasphemie, sondern um die Zerstörung einer Illusion.

Ja, auch seine Heiligkeit ist ein Mensch, der im fortgeschrittenen Alter möglicherweise nicht mehr ganz Herr seiner körperlichen Funktionen ist. Das blüht uns allen irgendwann. Shit happens, sagt dazu der Engländer.

Und was bitte ist denn die Aufgabe von Humor und Satire, wenn nicht das Zurechtstutzen von den Großkopferten auf ein normales menschliches Maß? Eben. Schon Tucholsky hat auf die Frage "Was darf Satire?" schließlich geantwortet: "Alles."

Und "Alles" bedeutet nun mal: Alles. Also auch kacken.

Wie ein Mexikaner.




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Dokument erstellt am 2012-07-20 18:35:06



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