• vom 28.01.2011, 12:37 Uhr

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Die Katze am Zettelkasten




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Von David Axmann

  • Vor etwa vier Jahrzehnten entspann sich in meinem Freundeskreis eine bis heute andauernde Debatte über die Frage, ob die Goethesche Behauptung "Gefühl ist alles" grundsätzlich, also in allen denkbaren Lebenslagen, zutreffe oder nicht.

Die (vornehmlich von Frauen gebildete) Mehrheit war dafür, die (vornehmlich von mir gebildete) Minderheit dagegen, nicht zuletzt deshalb, damit überhaupt ein Streitgespräch in Gang käme.

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Erstens dürfe man (wie ich nicht müde wurde zu argumentieren) den von Faust knapp nach der sogenannten Gretchen-Frage geäußerten apodiktischen Satz nicht in verstümmelter Form zur Diskussionsgrundlage machen; vollständig nämlich lautet er so: "Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut". In solchen erkenntnistheoretischen Zusammenhang gestellt, erscheint der Gefühlsprimat denn doch in anderem Lichte, das von einer an Platons Ideenwelt gemahnenden Himmelsglut ausgeht, welche in ihrem göttlichen Ursprung nicht begrifflich zu fassen, sondern eben bestenfalls erfühlt werden könne. Und zweitens mache doch jeder von uns, seit er zu fühlen und zu denken vermag, tagtäglich die Erfahrung, dass seine persönliche Beziehungsweise zur ihm begegnenden Welt durch eine wandelbare Mischung von Vernunft und Gefühl bestimmt wird, was sich an unseren Meinungen, Urteilen und Vorurteilen ja tagtäglich erweise.

Als ich mich vor mehr als drei Jahrzehnten im Burgenland ansiedelte, hoffte ich auf eine Bevölkerung zu stoßen, die eine vernünftige Beziehung zur Natur hat. Die Hoffnung trog. Ein Beispiel. Am Ortsende von Unterpetersdorf, Richtung Haschendorf, liegt ein Fußballplatz, der bessere Zeiten gesehen hat. Nämlich in den sechziger Jahren, als dort noch heiße Matches statt- und zahlreiche Zuschauer sich einfanden, für die man einige Holzbänke aufstellte.

Dazwischen pflanzte man, offenbar als Schattenspender, eine Reihe von Pappelbäumen. In den neunziger Jahren, als die Sportbegeisterung verdorrt, die Bäume hingegen herangewachsen waren, stellte sich heraus, dass "sie zu viel Laub machten". Deshalb wurde sie umgeschnitten. Von denselben Gemeindearbeitern, die offenbar zu faul waren, die Blätter zusammenzukehren und zu entfernen.

Ich mag Schriftsteller nicht, die sich selbst zu Auserwählten machen. Auf deren Türschild geschrieben steht "Hier wohnt ein Mann, dem es die Poesie angetan hat", und die die Extravaganz einer privaten Grammatik zum Schibboleth ihres ästhetischen Kunstanspruchs erheben; vor allem aber mag ich solche Schriftsteller nicht, weil sich um sie eine Apologetengemeinde schart, die des Meisters Auserwähltheit dogmatisch verklärt. Kurzum, ich mag Arno Schmidt nicht.

Neulich aber sah ich ein Foto aus dem Jahre 1955: Es zeigt den Autor gebeugt über einen seiner berühmten Zettelkästen, und rechts dahinter, auf weiteren Kästen, liegt eine buntgescheckte Katze und blickt mich an. Würde ich glauben, dass Gefühl alles ist, wäre ich vermutlich in diesem Augenblick Arno Schmidt-Fan geworden. Immerhin erscheint mir der Mann seitdem etwas sympathischer.



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Dokument erstellt am 2011-01-28 12:37:13
Letzte Änderung am 2011-01-28 12:37:00



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