Bisher hatte ich, und zwar verlässlich alle vier Jahre, die Olympischen Sommerspiele stets verteidigt. Obwohl ein Kollege vor acht - und auch vor vier - Jahren schon manch überzeugende und auch manch zugespitzte Argumente gegen das Betrachten dieser immensen Spartenvielfalt vorgebracht hatte ("Fehlt eigentlich nur noch Spielplatz-Springen für braune Pferde über 100 Kilo"!), war ich doch immer ein Verfechter des olympischen Gedankens, also des Dabeiseins, zumindest vor dem Fernsehschirm.
Heuer tat ich mir erstmals schwer. Zwar sah ich die Schwimm- und Leichtathletik-Wettkämpfe mit ungebrochener Leidenschaft (wann sieht man die sonst schon derart ausführlich?), und auch das eine oder andere Beachvolleyball-Spiel gefiel mir (vor allem jene unserer beiden tapferen Waldviertlerinnen) - und natürlich jeder Auftritt der US-Basketballer, aber der Rest konnte mir weitgehend gestohlen bleiben. Und das lag nicht nur an der chronischen Erfolgslosigkeit unserer Teilnehmer, sondern einfach an der mangelnden Attraktivität vieler Disziplinen. Judo etwa ist für Unkundige - und wer ist das nicht? - kaum anzusehen. Diese Gezerre am "Pyjama", die Balgerei am Boden, dann plötzlich eine unverständliche Wertung, bevor sich die Kontrahenten voreinander verneigen - also da sind mir ja die Synchronschwimmerinnen mit ihren grazil hochgespreizten Beinchen und ihrer verklemmten Nasalität noch lieber! Fechten, Ringen, Rudern, Segeln, Schießen - alles im Grunde unanschaubar. Davon bekommt man ja schon nach wenigen Minuten tiefe Ringe unter den Augen. . .
Jungen Menschen kann man wirklich nicht ernsthaft zur Ausübung solcher Sportarten raten. Zumindest dann nicht, wenn sie diese in Spitzensportmanier ausüben wollen. Und zwar aus Gesundheitsgründen. Denn da rackern sie sich - selbst in Österreich - jahrelang im Training unbemerkt von jeglicher Öffentlichkeit ab, kommen dann - wenn überhaupt je - einmal zu Olympischen Spielen, erhalten wenige Minuten öffentliche, ja globale Aufmerksamkeit - und scheitern mit hoher Wahrscheinlichkeit. Das kann nicht gesund sein.
Auf diese Weise begründet man eher lebenslange Depressionen und Versagensängste als sie wirksam zu bekämpfen. Sport, in Sonntagsreden gerne zum obersten Sinnstifter und effektivsten Anti-Drogen-Programm erklärt und beschworen, kann auch zum ungewollten Beförderer von Sinnlosigkeitsgefühlen und Suchtkarrieren werden. Und dabei spreche ich gar nicht von Doping (das in London sicherlich wesentlich häufiger vorkam, als offiziell bekannt wurde) und seinen unseligen körperlichen und psychischen Folgen. Nein, auch die bemitleidenswert kurzen Auftritte vieler Sportler, die oft nur auf dieses eine Ziel hintrainieren, um dann im entscheidenden Moment zu versagen - wie heuer die meisten unserer Athleten -, sind eigentlich nur psychopharmakologisch zu verkraften.
Daher ist die gesündeste olympische Disziplin wohl das Fernbleiben. Darin könnten wir Weltspitze werden.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter