• vom 09.08.2012, 15:19 Uhr

Glossen

Update: 09.08.2012, 16:33 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



fauna & flora

Das Ameisenrätsel


Von Stefanie Holzer

Diese Glosse sollte eigentlich von einem Gartenbuch erzählen, dessen Urheber ein eigentümlicher Mensch ist, nämlich ein Gärtner ohne nachvollziehbare Neigung zu dem, was man Natur nennt. In seinem Garten ist er der gottoberste Gestalter. Wenn sich etwas nicht ganz so entwickelt, wie er sich das vorstellt, dann wird er sauer. Er lässt den Bagger kommen, streut Gift und ist auch sonst unleidlich. Gärten mit Gemüse und Salat langweilen ihn.

Werbung

Als ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was für ein kompliziertes Ego sich mir mit Jakob Augsteins "Die Tage des Gärtners" aufdrängte, lenkte mich mein eigener Garten ab: Ein betörender Duftcocktail aus Abendlevkojen, Taglilien, Phlox, Nachtkerzen, Wicken und Kürbissen strömte auf die Terrasse, der es unmöglich machte, weiter über unleidliche Gärtner nachzudenken. Duft ist ein so flüchtiger und seltener Genuss, dass selbst eilige Menschen wie ich hingebungsvoll innehalten. Die Augen geschlossen, ließ ich die Luft langsam einströmen.

In diesem nahezu weihevollen Moment wurde ich aber unterbrochen: Genau über unserem großen Tisch auf der Terrasse schwärmen allsommerlich Ameisen. Die beflügelten Tierchen taumeln in großer Zahl durch die Lüfte, stürzen ab und krabbeln übereinander. Diesmal landeten sie dutzendweise auf meinem Laptop. Andere ersäuften sich im Weinglas, an dem ich gelegentlich nippte, bis ich es leid war, die (Halb-)Toten von der Lippe zu wischen. Andere fühlten sich vom Bildschirm magisch angezogen, krabbelten ein paar Zeilen rauf und runter, flogen auf, landeten auf meinem Gesicht, versuchten in Nase, Mund und Ohren zu gelangen und verfingen sich in meinen Haaren. Da brach ich die Glosse zum zweiten Mal ab.

Drinnen im Haus versuchte ich herauszufinden, was das für eine Veranstaltung ist, welche die Ameisen mit großer Beharrlichkeit allsommerlich auf unserer Terrasse ausrichten: Die Beflügelten sind Männchen, die mit einer jungen, schönen und viel größeren Ameisenkönigin ausschwärmen. Diese habe ich in dem Getümmel aber noch nie gesehen. Das ist auch kein Wunder, denn das Verhältnis Männchen zu Königin ist etwa 40 zu eins.

Nach der Begattung haben die Bräutigame ihren Lebenszweck erfüllt und sterben bald. Die Königin sucht nach der Landung einen geeigneten Platz für einen neuen Staat. Das tut sie wieder erdgebunden und verliert deshalb ihre Flügel. Wenn diese nicht abfallen wollen, hilft sie nach und beißt sie ab. Angesichts solchen Dramas beschwere ich mich nicht mehr über die Unzukömmlichkeit von toten Ameisenmännchen in meinem Weinglas. Aber warum kommen die überhaupt auf die Terrasse? Brauchen sie zum Sterben Publikum? Oder, wie Goethe, mehr Licht?

Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.




Schlagwörter

Glossen, Extra, Fauna&Flora

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-09 16:26:03
Letzte Änderung am 2012-08-09 16:33:06


Beliebte Inhalte



Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen.
  • Österreich hat es gut! Wer es nicht glaubt, möge den Vizekanzler fragen oder in die Zeitung schauen.
  • weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".
  • Das Champions-League-Endspiel wirft seine Schatten voraus. Deutsche Medien werben mit peinlichen Slogans um Zuseher, Kommentatoren feilen an Pointen.
  • weiter

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.
  • Wenn viele Wörter heute blass, schal, leer wirken, liegt das meist daran, dass ihre früheren Bedeutungen nicht mehr verstanden werden.
  • weiter

Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter

Es waren Witzbolde oder Philosophen, die sich ausdachten, in der Toilette eines hippen Restaurants auf Mann/Frau-Symbole zu verzichten und stattdessen...weiter

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".
  • Hier handelt es sich um zwei Begriffe mit leicht divergierenden Bedeutungen, wobei Shoah immer häufiger verwendet wird.
  • weiter

  • Wirkt ein Tropfen Parfum wahrere Wunder als 1000 Tropfen Wasser? Und kann ein Eiswürfel das Meer zum Überlaufen bringen? (Nein, einer nicht.)
  • weiter

Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen.
  • Nachdem Regierung und Bevölkerung erstmals den Tag der Befreiung gefeiert haben, stehen uns noch andere große Ereignisse ins Haus.
  • weiter

Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen.
  • Österreich hat es gut! Wer es nicht glaubt, möge den Vizekanzler fragen oder in die Zeitung schauen.
  • weiter




Werbung




Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung