Diese Glosse sollte eigentlich von einem Gartenbuch erzählen, dessen Urheber ein eigentümlicher Mensch ist, nämlich ein Gärtner ohne nachvollziehbare Neigung zu dem, was man Natur nennt. In seinem Garten ist er der gottoberste Gestalter. Wenn sich etwas nicht ganz so entwickelt, wie er sich das vorstellt, dann wird er sauer. Er lässt den Bagger kommen, streut Gift und ist auch sonst unleidlich. Gärten mit Gemüse und Salat langweilen ihn.
Als ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was für ein kompliziertes Ego sich mir mit Jakob Augsteins "Die Tage des Gärtners" aufdrängte, lenkte mich mein eigener Garten ab: Ein betörender Duftcocktail aus Abendlevkojen, Taglilien, Phlox, Nachtkerzen, Wicken und Kürbissen strömte auf die Terrasse, der es unmöglich machte, weiter über unleidliche Gärtner nachzudenken. Duft ist ein so flüchtiger und seltener Genuss, dass selbst eilige Menschen wie ich hingebungsvoll innehalten. Die Augen geschlossen, ließ ich die Luft langsam einströmen.
In diesem nahezu weihevollen Moment wurde ich aber unterbrochen: Genau über unserem großen Tisch auf der Terrasse schwärmen allsommerlich Ameisen. Die beflügelten Tierchen taumeln in großer Zahl durch die Lüfte, stürzen ab und krabbeln übereinander. Diesmal landeten sie dutzendweise auf meinem Laptop. Andere ersäuften sich im Weinglas, an dem ich gelegentlich nippte, bis ich es leid war, die (Halb-)Toten von der Lippe zu wischen. Andere fühlten sich vom Bildschirm magisch angezogen, krabbelten ein paar Zeilen rauf und runter, flogen auf, landeten auf meinem Gesicht, versuchten in Nase, Mund und Ohren zu gelangen und verfingen sich in meinen Haaren. Da brach ich die Glosse zum zweiten Mal ab.
Drinnen im Haus versuchte ich herauszufinden, was das für eine Veranstaltung ist, welche die Ameisen mit großer Beharrlichkeit allsommerlich auf unserer Terrasse ausrichten: Die Beflügelten sind Männchen, die mit einer jungen, schönen und viel größeren Ameisenkönigin ausschwärmen. Diese habe ich in dem Getümmel aber noch nie gesehen. Das ist auch kein Wunder, denn das Verhältnis Männchen zu Königin ist etwa 40 zu eins.
Nach der Begattung haben die Bräutigame ihren Lebenszweck erfüllt und sterben bald. Die Königin sucht nach der Landung einen geeigneten Platz für einen neuen Staat. Das tut sie wieder erdgebunden und verliert deshalb ihre Flügel. Wenn diese nicht abfallen wollen, hilft sie nach und beißt sie ab. Angesichts solchen Dramas beschwere ich mich nicht mehr über die Unzukömmlichkeit von toten Ameisenmännchen in meinem Weinglas. Aber warum kommen die überhaupt auf die Terrasse? Brauchen sie zum Sterben Publikum? Oder, wie Goethe, mehr Licht?
Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter