
"Die Krankheit erst bewähret den Gesunden." Sagte Johann Wolfgang von Goethe. Und selbst wenn Siegfried Unseld in seinem Brief an Thomas Bernhard gerne einräumt, dass besagtes Zitat "aus einem umstrittenen, erotischen, von einigen als pornographisch bezeichneten Gedicht Goethes stammt", so stellt er an gleicher Stelle doch auch fest, dass das "nichts an seiner Wahrheit mindert." Dieser Meinung bin ich auch.
Ja, ich habe viel Zeit zum Lesen. Was an den heftigen Magenkrämpfen liegt, die ich nicht nur mir, sondern auch der umtriebigen Hotelierfamilie am ansonsten idyllischen Mattsee nicht mehr länger zumuten wollte. Grüngesichtig auf der Terrasse sitzen, schmerzverzerrt um Kamillentee oder Haferschleim bitten und damit den anderen Gästen nicht nur den Appetit, sondern auch die Aussicht verderben? Da lass ich lieber den Krankenwagen kommen.
"Jede Krankheit macht uns stärker, mit jeder sehen wir tiefer, eine jede ist so unbezahlbar wie nichts", antwortet Thomas Bernhard dem Herrn Unseld. Da bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob das stimmt.
Ein lichtblauer Kittel, der knapp über den Knien aufhört und zumindest von hinten gesehen nicht mehr wirklich viele Frage offen lässt. Schaut aus wie eine Mischung aus einer seltsamen Sexualfantasie und der letzten Kreation von John Galliano, kurz bevor der Dior-Designer die Nerven verlor und damit auch seinen Job. So - und nicht etwa in einem eleganten Anzug werde ich in einen kleinen Raum geschoben, wo eine blonde Halbgöttin von der Sorte auf mich wartet, wie sie Ernest Hemingway sofort verführt, geheiratet und auf Großwildjagd nach Afrika mitgenommen hätte. Aber ich bin nicht Ernest Hemingway. Also lasse ich mir gern erklären, dass sie mir gleich einen Schlauch in den After einführen wird, mit einer Kamera dran, um mal zu schauen, was bei mir im Darm so los ist. Dann spritzt sie mir eine weiße Flüssigkeit in den Arm und ich schlafe friedlich ein.
Bei unangenehmen Entblößungen oder degradierenden Untersuchungen stoße ich auf gut gebaute Blondinen in engen weißen Mänteln. Sonst sehe ich die nirgendwo, aber immer wenns echt eng und peinlich wird, stehen die parat wie von einem gemeinen Gott persönlich herbeigerufen. Das geht mir schon seit vielen Jahren so. Und genau deshalb habe ich keine Angst vor dem Tod. Kann eh recht lustig werden im Jenseits, denke ich mir. Wenn die schon im Diesseits Zeit für solche Späße haben.
Artikel erschienen am 10. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S.31
Jeder, der Filme mag, kennt das Gesicht von Harrison Ford, Michelle Pfeiffer und vielen anderen mehr. Und er kennt die Stimmen der Schauspieler...weiter