Viele Menschen blättern vor dem Einschlafen ein Buch durch und lesen ohne allzu große Aufmerksamkeit noch ein paar Seiten. Wie kleine Kinder ihre Gute-Nacht-Geschichte oder ihr Schlaflied haben müssen, so brauchen Erwachsene zuweilen ein paar geschriebene Sätze, um die Ruhe zu finden, die sie von der Nacht erhoffen.
Auch ich gehöre zu den Einschlaflesern. Allerdings kann ich nicht jedes Buch zu diesem Zweck verwenden. Romane oder Erzählungen zum Beispiel finde ich ganz und gar ungeeignet. Sind sie spannend, rauben sie mir die Nachtruhe, sind sie langweilig, will ich sie ohnehin nicht lesen, weder bei Nacht noch am Tage. Deshalb bevorzuge ich Gedichte. Für sie spricht vor allem die Kürze, die der fortgeschrittenen Stunde gemäß ist. Aber darüber hinaus haben sie einige halluzinogene Wirkungen, die dem Einschlafen förderlich sind.
Der Germanist Heinz Schlaffer hat in seinem Buch "Geistersprache" unlängst behauptet, die Lyrik sei nichts anderes als der säkularisierte Restbestand einstmals heiliger Sprachen. Man kann bezweifeln, dass diese These ganz und gar stimmt, aber es spricht sicher nichts dagegen, die lyrische Nachtlektüre mit dem Abendgebet zu vergleichen, das gläubige Menschen zum Tagesende sprechen.
In beiden Fällen handelt es sich um Rituale, die den Zeitverlauf gliedern - freilich mit dem gewichtigen Unterschied, dass das Beten ein gemeinschaftlich anerkannter Brauch, das Lesen hingegen eine private Gepflogenheit ist, deren Regeln sich das Individuum selbst setzt.
Die besondere Schönheit des nächtlichen Lyrik-Lesens besteht wohl in der Entlastung von der Bedeutsamkeit. Der Umgang mit Gedichten ist uns leider von den strengen Literaturlehrern in ganz besonderem Maß erschwert worden. Die "Interpretation" oder die "Textanalyse", die uns schon in der Schule als einzig seriöse Umgangsform mit Lyrik beigebracht wurden, sind in Wahrheit sehr geeignete Mittel, die Schönheiten der lyrischen Sprache zu verfehlen. Wer Gedichte singt, auswendig hersagt oder sie in tiefer Mitternacht als Vorwegnahme des Traums empfindet, erfasst von ihrer Eigenart mehr als all jene, die der Lyrik mit großem intellektuellen Aufwand eine Rationalität unterschieben, die sie weder hat noch zu haben braucht.
Vor kurzem begegnete ich im Halbschlaf dem deutschen Dichter Oskar Loerke (1884-1941), mit dem ich im hellen Licht des Tages nicht allzu viel anzufangen weiß. Aber plötzlich, im Schutz des nächtlichen Kontrollverlusts, rührte mich eine seiner Strophen an: "Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf, / der schwere Frösche, Schlangen oder Bären / im Schwebetraume nur mitschwebend traf. / O dass wir alle Vogelseelen wären!"
Ich kann und will über diese Verse eigentlich nicht weiter nachdenken. Sie gefallen mir - und das nur, weil meine schlafsuchende Vogelseele einmal mit Hilfe dieser schönen Strophe mühelos von der Alltagsrationalität in die Nachtgefilde hinüber gleiten konnte.
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter