
Ein führender Vertreter des Tratsch- und Klatschjournalismus, ein Mensch also, der dermaßen leicht und luftig durch die allerbesten Kreise der Gesellschaft schwebt wie ansonsten nur der legendäre Hochstapler Felix Krull, war von einem deutschen Lebemann und Großindustriellen zu einem Wochenendbesuch auf dessen griechischer Urlaubsinsel eingeladen worden. Einige Tage vor der Abreise rief der Chauffeur des Gastgebers an. Wann er das Gepäck abholen dürfe? Weil in gehobenen Kreisen pflegt man so zu reisen: Das Gepäck fährt voraus, der Gast kommt hinterher und wenn es ihm, am Urlaubsort angekommen, nach einer Badehose oder einem Smokinghemd gelüstet, findet er beides frisch gebügelt und sorgsam aufbereitet bereits in der Schrankwand seines Gästezimmers vor.
Klingt logisch und gottgefällig, hat aber leider nur recht wenig mit dem normalen Leben zu tun. Zumindest mit meinem normalen Leben. Koffer und Taschen sind das Fegefeuer des Fernreisenden, finde ich. Erstens ist der Mensch kein Tintenfisch. Mit mehr als zwei Gepäcksstücken krieg ich allein schon anatomisch ein Problem. Zweitens kann nicht jeder ein Gewichtheber sein. Wer sich einmal an einer gut gefüllten Tasche das Kreuz verrenkt hat, lernt diese Teile zu hassen wie Mücken im August. Drittens lieben Koffer das heimliche Verschwinden. Tauchen irgendwo ab, um eigene Wege zu gehen. Kommen ab und zu wieder. Aber bei weitem nicht immer vor Urlaubsende. Was wiederum gut sein kann. Weil es zur Erkenntnis führt. Nach Nervenzusammenbrüchen, Tränen, Zorn und lautstark geführten Telefonaten. Also letztendlich.
Die schönste Auslandswoche meines Lebens habe ich in Seoul, der Hauptstadt von Südkorea, verbracht. Mein sorgsam zusammengestelltes Reisegepäck war irgendwo unterwegs verloren gegangen und bis zur Abreise nicht mehr aufgetaucht. Ich hatte, abgesehen von dem, was ich am Leibe trug, nur das dabei, was das Handgepäck für Notfälle hergab: ein Paar Socken, ein T-Shirt, eine Unterhose. War zwar knapp, hat aber völlig gereicht für eine Woche. Vor allem weil die hoteleigene Wäscherei voll auf Zack war. So gut ist es meinen Socken noch nie gegangen. Und ich dachte mir hinterher: Reisen hat mit Verzicht zu tun. Wer braucht schon den ganzen Schmarren, den er da mit sich in den Urlaub schleppt? Ein halber Koffer ist das ganze Vergnügen. Solche Merksätze stehen in meinem Urlaubsbuch. Und ich halte mich daran. Hilft freilich auch nicht weiter. Weil Frau und Tochter andere Philosophen zu Rate ziehen. Jetzt reise ich selbst zwar mit wenig Gepäck. Dafür aber schleppe ich deren Koffer.
Artikel erschienen am 17. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 31
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