
Die erste Fahrstunde habe ich meinem kleinen Bruder zu verdanken. Er ließ mich an einem Sonntag am Parkplatz der Shopping City Süd Tuchfühlung mit seinem alten, zitronengelben Audi 80 aufnehmen. Weit und breit kein Auto, kein Mensch, keine Hindernisse. Ich war so aufgeregt, dass meine schweißnassen Hände am Lenkrad kleben blieben. "Ganz ruhig", meinte der Bruder, "es kann nix passieren. Jetzt lasst Du langsam die Kupplung kommen und gibst ein bisserl Gas." Nach dem zehnten erfolglosen Versuch meldete die Kupplung mit einiger Geruchsentwicklung leise Bedenken an meinem Tun an. Irgendwann setzte sich das Vehikel doch in Bewegung - was für ein Erfolgserlebnis. "Da vorne liegt ein Karton, pass auf und fahr nicht drüber" - pudumm - "Wo?" Es dauerte etwa vier Stunden, bis ich das Auto anfahren, Hindernissen in weitem Bogen ausweichen und den Wagen einigermaßen auf der Geraden halten konnte. Ich finde bis heute, dass ich mich damals ganz gut gehalten habe. Meinem Bruder hingegen steigt bei der Erinnerung an diese Fahrstunde noch immer der Angstschweiß auf. Der schicke Audi ist längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen und ich habe mich zur routinierten Autofahrerin entwickelt. Den Spaß am Autofahren habe ich meinem Bruder zu verdanken, der mit seiner Engelsgeduld meine Angst relativiert hat.
Artikel erschienen am 31. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 3
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter