• vom 01.09.2012, 05:30 Uhr

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diarium

Verstoß gegen die Netiquette


Von Irene Prugger

Neulich fabrizierte ich per Mail ein Missverständnis, weil ich auf das Zwinker- und Grinsegesicht vergessen habe. Das heißt, ich hatte großmütig darauf verzichtet. Nach langjähriger schriftstellerischer und journalistischer Tätigkeit sei es mir möglich, hatte ich gedacht, Ironie so zu formulieren, dass sie auch als solche erkenntlich sei. Wohl wissend, dass im deutschen Sprachgebrauch Ironie oft nicht so sehr durch den geschriebenen Duktus, sondern durch den gesprochenen Tonfall deutlich wird.

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Mein Mail kam mir sehr ironisch vor, aber keineswegs beleidigend. Ich fand, es hatte Originalität und gewitzten Charme. Der Empfänger war Vertreter eines Pressereferates, also mit schreiberischer Kompetenz ausgestattet, er würde also meine zarte Kritik, die ich mitverpackt hatte, verstehen. Er hatte mir wohlgesonnen geschrieben, man sehe sich im Leben immer zweimal, und ich hatte in Kombination mit meiner leichten Kritik an einer Veranstaltung, die er mitorganisiert hatte, nun als Antwort keck hingesetzt, das könne man auch als Drohung verstehen. Eine letzte Überlegung - meine innere Stimme riet mir, das Zwinkergesicht vorsichtshalber doch hinzuzufügen - verwarf ich. Ein Klick, und das Mail flog seiner Bestimmung entgegen.

Es gehen am Tag viele Mails aus und ein, nur die wenigsten sind so wichtig, dass man sie nochmals durchliest und zu neuen Einschätzungen kommt. Ich lebte also ein paar Stunden unbesorgt, bis die Antwort eintraf. Diese hatte es in sich. Kurz und böse stand geschrieben: "Aha, eine Drohung! Ich nehme das zur Kenntnis. Mit Grüßen. . ."

In der darauffolgenden Nacht grinste mich das Grinsemännchen spöttisch an: "Ätsch, du hast geglaubt, du kannst auf mich verzichten, das hast du jetzt davon!" Vielleicht hätte ich mich einfach an die "Netiquette", also die Höflichkeitsregeln für soziale Netzwerke halten sollen (welche u.a. im Jahr 2010 der Deutsche Knigge-Rat veröffentlichte). Eine der Grundregeln für Kommunikation im Netz lautet: "Insgesamt sollten Unhöflichkeit, Doppeldeutigkeit oder gar Beleidigungen nicht die Kommunikation per Text, der die Sinngebung durch nonverbale Signale fehlt, erschweren."

Nach einer schlaflosen Nacht war ich so weichgeklopft, dass ich an den gekränkten Pressereferenten schrieb: Wenn meine Formulierung etwas zu hart ausgefallen sei, dann entschuldige ich mich, mein Schreiben sei ironisch gemeint gewesen, aber es sei mir wohl nicht gelungen, die Ironie gekonnt zu verpacken. Ein demütigendes Mail, aber der Mann war wichtig, ich schickte es ab.

Prompt kam die Antwort: "Wie jetzt? Ein Rückzieher? Da müssen Sie schon mit anderen Kalibern aufwarten, um mich aus der Fassung zu bringen!" Das war alles. Kein Smiley, der signalisiert hätte, die Ironie sei verstanden und zurückgegeben worden. Er kam Minuten später, mit dem Zusatz: "Sorry! Nichts für ungut. Meine Mails waren beide ironisch gemeint!"

Irene Prugger, geb. 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-31 15:33:09
Letzte Änderung am 2012-08-31 16:54:41


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