• vom 31.08.2012, 23:55 Uhr

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Glossenhauer

Think local, act banal


Von Severin Groebner

  • "Heimat im Herzen - Scheiße im Hirn" behauptet ein Graffitto beim Bahnhof Attnang-Puchheim. Dabei ist doch das Heimelige, das "Mir san Mir" so beliebt.

Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen.

Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen. Severin Groebner ist Autor und Kabarettist, sein neues Buch heißt "Servus Piefke", mit dem gleichnamigen Programm ist er am 6. und 7. Juni im Kabarett Niedermair zu sehen.

Es geht ein Gespenst um in Europa: der Provinzialismus. Er greift um sich, wie eine Kreuzung aus Schweinegrippe-Virus, Esoterik-Wochenende und Duftbaum: H.C. Strache will raus aus dem Euro, der CSU-Brontosaurus Scharnagl will die Unabhängigkeit für den Freistaat Bayern und der deutsche Verkehrsminister will den Lokalpatriotismus stärken, in dem sich jede Gemeinde ihr Kfz-Kennzeichen-Kürzel selbst aussuchen kann. Selbst im Supermarkt lockt die Milch mit Ursprungsgarantien aus der "Heimat" und auf der Packung lacht einem die sonnengebräunte Landbevölkerung vor einem Bergbauernhof entgegen.

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Ja, so is bei uns daham.

Im echten Leben gibt es zwar von Gewerbegebieten und Kreisverkehren zerstückelte Landschaften, Discoschlägereien wegen massiven Jägermeistermissbrauchs, Traktorunfälle und freilaufende Wehrsportgruppen in der Heimat - aber nicht in der Werbung. Und im Fernseh-Spielfilm schon gar nicht.

Hier besiegen regelmäßig kernige Bauern, resche Weibsbilder und kantige Naturburschen mit Schalk in den Augen und dem Herz am rechten Fleck im Sonnenschein den windigen Bürgermeister (der aber doch auch irgendwie ein gstandenes Schlitzohr ist) und seinen Kumpanen, den bösen Großstädter (der nicht von "da" ist und deshalb am Schluss in der Jauchegrube ertränkt wird). Dazu spielt man entweder Blasmusik (aber schon ein bisserl "schräg", gell?) oder Hansi Hinterseer. Das mikrokosmische Hintergrundrauschen der Provinz.

(Es existiert natürlich auch die Großstadt-Variante mit dem kernigen Polizisten, der feschen Prostituierten und dem kantigen Fahrradboten, der privat dazu noch Gitarre spielt, seinen weisen, alten Onkel pflegt und den Schalk in den Wadeln hat. Der Böse ist dann ein chinesischer Firmenchef oder arabischer Unterweltkönig. Die beiden sind nämlich auch nicht von "da".)

Aba dann is ollas wieda guat!

Im echten Leben kommen inzwischen die Paprika aus Spanien, die Schuhe aus der Türkei und die Druckerpatronen aus Malaysia. Cloud-Computing speichert unsere Daten auf Servern in Kalifornien und die Nanotechnologie entwickelt Bauteile, die die Blut-Hirn-Schranke im Körper unterlaufen können. Nebenbei kriegen wir Fotos vom Mars, die wir auf unserem Smartphone betrachten, das in China zusammengebaut wurde.

Ja, scho, oba des is ollas so kompliziad . . . Und so flüchtet das "Volk" (was ist eigentlich aus dem schönen Begriff "Bevölkerung" geworden?) in das Heilsversprechen, dass, wenn wir uns alle nur regelmäßig darauf besinnen, wo wir herkommen, egal wohin es geht, wir doch wieder dort raus kommen, wo wir immer schon waren. Und wenn wir uns noch täglich siebenmal in Richtung des örtlichen Raiffeisen-Verbands verneigen, dann sind auch supranationale Konzerne wie Monsanto, Google, Nestlé oder Unicredit sicher ganz, ganz lieb zu uns. Das funktioniert! Fast so gut wie die unschlagbare Technik von kleinen Kindern, die Augen zuzumachen und zu sagen: "Ich bin unsichtbar!" Mei, liab!

Oder es hat eben doch der unbekannte Sprayer aus Attnang-Puchheim recht.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-31 17:53:04
Letzte Änderung am 2012-08-31 18:42:12


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