
Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof hat beim Filmfestival von Locarno einen Film vorgestellt, der die Welt aus der Sicht der Bienen zeigt. Was kein sonderlich beruhigender Anblick ist. Biene Maja spielts schon längst nicht mehr. Und gegen das, was sich im Alltag der Honigwaben tut, schaut sogar die Ölpest im Niger-Delta wie biologischer Landbau aus.
Das Niger-Delta liegt im Südosten von Nigeria und ist an und für sich ein riesiges fruchtbares Gebiet mit ungefähr 27 Millionen Menschen. 75 Prozent davon sind auf natürliche Ressourcen angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nur leider hat die Gier der Öl- und Gas-Industrie das mittlerweile nahezu unmöglich gemacht. Was bleibt, ist ökologischer Wahnsinn: tote Fische, unfruchtbare Felder, verschmutztes Trinkwasser.
Nigeria steht auf Platz 12 der erdöl-reichsten Länder. Nach Angaben der Weltbank stieg dort der Anteil der Bevölkerung, der in Armut lebt, von acht Prozent 1980 auf 66 Prozent im Jahr 2000. Wie das mit gutem Gewissen zusammengeht, muss mir erstmal wer erklären.
Kann man alles auf der Homepage von Global2000 nachlesen. Aber wie gesagt: den Bienen gehts noch dreckiger. Und damit bald auch uns allen. "Seit einigen Jahren verschwinden Millionen Bienen auf mysteriöse Weise", steht zum Beispiel in der "Neuen Zürcher Zeitung". Obwohl das Drama so mysteriös gar nicht ist. Die Bienen gehen an der Gier zugrunde. Weil ihnen weltweit landwirtschaftliche Monokulturen, Pestizide und industrielle Umweltverschmutzung immer weniger Lebensraum für ihre Pollenflüge lassen. In der westchinesischen Provinz Liaoning etwa, so erzählt Imhoof in "More than Honey", gibt es vor lauter Chemie keine Bienen mehr. Jetzt müssen dort die Bauern die Blüten der Apfel-bäume von Hand bestäuben. Schaut in der Fantasie eh ganz lustig aus. Wie ein Sketch von Monty Python. Was aber, wenn die Lavanttaler Apfelbauern bald die gleichen Sorgen kriegen? Dann bleibt das Lachen stecken.
Klar muss man jetzt keine Weltuntergangsszenarien beschwören. Es reicht völlig, das Problem kulinarisch zu betrachten. Das morgendliche Honigbrot ist nämlich erst der Anfang. Der Rest heißt Nahrungskette. Bienen bestäuben 90 Prozent aller Pflanzen. Und ohne Bienen, so Imhoof, "gäbe es im Hamburger keinen Salat, keine Zwiebel, kein Ketchup und keinen Senf. Es bliebe nur das Fleisch von Kühen, die nie Klee gefressen haben und das trockene Brötchen."
Lieber staubtrockene Hamburger fressen, als den Bienen genug Ressourcen lassen. Ganz ehrlich: Wie dumm sind wir eigentlich?
Artikel erschienen am 14. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter