"Es war einmal." Mit dieser Wendung begann in Zeiten, in denen das Erzählen noch geholfen hat, so manche Geschichte. Zum Beispiel: "Es war einmal ein Journalist, der sollte eine Kolumne schreiben." Schon haben wir eine Hauptfigur und müssen sie nun nur noch in einen Konflikt stürzen, um die Geschichte in Gang zu setzen, etwa: "Aber es fiel ihm nichts ein."
Fachleute nennen so etwas eine Exposition, auf die nun eine Durchführung folgt: Der Journalist sucht verzweifelt nach einer Idee, er nervt seine Frau, seine Familie, seine Freunde, seine Kollegen. Ein Chefredakteur tritt auf und erinnert mit ernster Miene an den Redaktionsschluss, die Druckerei ruft an und fragt, wo denn, zum Teufel, die Kolumne bleibe. Und noch immer ist unserem Journalisten nichts eingefallen, rein gar nichts. Es ist zum Heulen.
Leider braucht so eine Erzählung noch einen dritten Teil, die Auflösung, auch Schluss genannt, und das ist besonders schwierig. Wie soll man den anlegen? Soll sich der Journalist aus Verzweiflung erschießen? Soll ihm eine gute Fee eine fertige Kolumne auf den Tisch legen? Soll er bei einem Dealer in einer U-Bahn-Toilette eine gefälschte Kolumne kaufen? Oder vielleicht gar einen Schulaufsatz seiner Tochter als seine Kolumne ausgeben? Oder fällt Ihnen zufällig etwas ein?
Artikel erschienen am 21. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 3
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter