Seit "Simpl"-Betreiber Albert Schmidleitner im Herbst 2009 das "Vindobona" am Wallensteinplatz neu eröffnete, beobachte ich den Aufstieg des dazugehörigen Cafés. Es ist ein Aufstieg, der sich in Wellen vollzog. Und die erste Welle war ich: Angelockt von internationalen Zeitungen, W-Lan und der Nähe zur Wohnung, saß ich wochenlang als einziger Gast in einer Ecke und schrieb. Ruhig war es damals. Die Monotonie meiner Schaffenskraft durchbrach allein Oberkellner Peter, der mit buntem Filzstift das Tagesgericht an die Fensterscheiben malte.
Erst mit der neuen Kellnerin kehrte Unruhe ein. Nun standen Kavaliere an der Bar und balzten. Einer von ihnen, reiste sogar - wie er betonte - vom Floridsdorfer Spitz an. Die Romanze endete jäh, als sie begann, die Haare kürzer und bunter zu tragen: Der Kavalier kam nie wieder. Dafür erkor eine Gruppe Frühpensionisten das Lokal zum Treffpunkt. Die Herren sprachen laut und in anklagendem Ton, meistens über das islamische Zentrum in der Damm-Straße. Nachdem ich ihnen ein paar Tage lang zugehört hatte, legte ich mir Ohrenstöpsel zu.
Diese bewährten sich auch, als Maturanten das Café entdeckten. Wie ein Rudel Welpen tollten sie herein, saßen mal nebeneinander, mal übereinander und entwarfen große Pläne. Einer von ihnen beteiligte sich nie am Gespräch. Stattdessen trug er Kopfhörer und komponierte. Manchmal spielte er seinen Kollegen die Stücke vor.
Die Maturanten maturierten und blieben weg. Einen längeren Atem bewies die Runde mit dem verrückten Hund. Das Tier - eine Rauhaardackel-Mischung - gehört einer rothaarigen Dame und beginnt spätestens nach 30 Minuten ohrenbetäubend laut zu wimmern. Betritt die Gruppe das Café, verdrehen deshalb die anderen Gäste die Augen. "Dein Hund ist ein Volltrottel", stellte letzthin einer der ständigen Begleiter der Dame fest, "er quietscht, wenn man ihn anschaut. Und wenn man ihn nicht anschaut, quietscht er auch". Man verließ das Café im Streit.
Die Laptop-Besitzer sind ein relativ neuer Trend. Manchmal sitze ich mit vier anderen um die einzige Steckdose. Anfangs war es wie in Lignano in den 1970er Jahren, wo es galt, die Liegestühle frühestmöglich mit Handtüchern zu besetzen. Inzwischen haben wir uns in einer sympathischen Solidargemeinschaft organisiert, damit keinem der Saft ausgeht.
Die Vielfalt der Gäste ist derweil fast unüberschaubar geworden. Es sind Liebespaare da, Schauspielerinnen, die Regisseuren Texte vorsprechen, Hobby-Rennradfahrer und sogar Touristen. Ganz neu sind die stillenden Mütter: Zuletzt zählte ich drei, die zeitgleich die Zukunft nährten. Für mich der letzte Beweis, dass sich das Vindobona endgültig zum Wohnzimmer des Bezirks aufgeschwungen hat. Gut so!
Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.
Sommertheater lässt sich als Phänomen entgegengesetzter Pole beschreiben: einerseits als Gipfeltreffen von Branchenstars und Hochkultur-Adabeis -...weiter