• vom 09.10.2012, 16:42 Uhr

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Sedlaczek am Mittwoch

Du irritierst ihn und er irritiert sich selbst


Von Robert Sedlaczek

  • Zungenbrecher erfreuen sich weltweit großer Beliebtheit und sie haben eines gemeinsam: Es handelt sich um kleine surreale Kunstwerke.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".

Der deutsche Schriftsteller Gerhard Henschel hat ein Buch mit dem Titel "Zungenbrecher" geschrieben. Es ist kein literarisches Werk, wie wir es vom Autor des Briefromans "Die Liebenden" erwarten würden, sondern ein Sachbuch mit den schönsten Exemplaren dieser Sprachspielereien. Henschel hat sich dafür nicht nur im Deutschen nach Beispielen umgeschaut, sondern auch im indischen, im arabischen und im chinesischen Sprachraum.

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Ich schlage jene Seiten auf, wo Einheimisches zu erwarten ist. Ja,

da sind sie, die Klassiker: "A Mülla-madl hot a Möhnudlladl und a Nahnodlladl a" (eine Müllerstochter hat eine Mehlnudel-Lade und eine Nähnadel-Lade auch) mit der Nebenvariante "Mei Ural hot a No’llal und a Nahno’lla’l a" (meine Großmutter hat eine Nadel-Lade und eine Nähnadel-Lade auch). Dann das Rechenbeispiel mit den zerquetschten Zwetschken: "Zwanz’g z’quetschte Zwetschk’n und zwanz’g z’gquetschte Zwetschk’n san vierzk z’quetschte Zwetschken". Das wichtigste Wesensmerkmal eines Zungenbrechers wird hier schön sichtbar: Die Laute müssen so konstruiert sein, dass unsere Zunge akrobatische Leistungen vollbringen muss.

Dass die Wörter oder Sätze einen Sinn ergeben oder in der Alltagskommunikation häufig vorkommen, ist nicht notwendig, es würde der Sache den Reiz nehmen. Deshalb habe ich mit Henschels Beispiel aus dem Tirolerischen keine Freude: "Kimmscht e a oui?" (Kommst du ohnedies auch herunter?) Dieser Wendung fehlt das Surreale. Ich breche mir dabei auch nicht die Zunge.

Da Henschel ein Schriftsteller ist, macht er auch Ausflüge ins Literarische. Er zitiert Ernst Jandls Gedicht, das aus einer Aneinanderreihung von Literaturpreisen besteht. In der einen Variante wurden die Vokale eliminiert (Hrsplprs dr Krgsblndn/Grg Trkl Prs/strrchscher Wrdgngsprs . . .), in der anderen

die Konsonanten (öieei e ieie/eo ae ei/Öeeiie üiueis . . .). Wir sehen: Wenn man auf die Vokale verzichtet, lässt sich der Sinn rekonstruieren, umgekehrt nicht.

Nun zu den englischen "Tongue-twisters": "Fred fed Ted bread, and Ted fed Fred bread." Jemand berichtet, dass Ted und Fred einander mit Brot gefüttert haben. Das sieht auf den ersten Blick einfach aus, man sollte sich aber bemühen, den Satz recht schnell zu sprechen. Ich verhaspel mich immer am

Schluss, der Grund scheint darin

zu liegen, dass "die Konsonanten

in einem gemischten Doppel

auftreten", wie es Henschel formuliert. Das gilt in noch stärkerem Ausmaß für "Big black bugs bleed blue black blood but baby black bugs bleed blue blood". (Große schwarze Käfer bluten blauschwarzes Blut, aber neugeborene schwarze Käfer bluten blaues Blut.)

Die Franzosen testen die Zungen-

fertigkeit mit "cinq chiens chassent six chats" - warum genau fünf Hunde genau sechs Katzen jagen, wird uns immer ein Rätsel bleiben

-, die Italiener mit "Ti l’iriti le e tu t’iriti ti." (Du irritierst ihn, und du irritierst dich selbst.) Jemanden

zu irritieren, das scheint der Sinn der Zungenbrecher zu sein.



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Dokument erstellt am 2012-10-09 16:47:08


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