
Vor ein paar Tagen hat ein Zirkus in der tschechischen Stadt Kladno ein Krokodil vergessen. Der Fall ging durch die Medien, eh völlig verständlich in Zeiten wie diesen, man hat ja sonst kaum was, worüber man schreiben kann. Das Krokodil, welches leider ohne Käfig in Kladno zurückgeblieben ist, habe am Straßenrand einem Spaziergänger aufgelauert, hieß es, welcher später geschockt zu Protokoll gab: "Ob es tot ist oder lebt, habe ich lieber nicht geprüft."
Logisch ist das pure Dramatik. In Hollywood werden Millionen aus solchen Geschichten gemacht. Brad Pitt spielt den Spaziergänger, Angelina Jolie das Krokodil, meinetwegen soll Michael Haneke oder sonst so ein seltsamer Europäer die Regie übernehmen, und wenn das keinen Oscar bringt, dann weiß ich auch nicht. So denken die in Hollywood. In Kladno denken sie anders. Anstatt das pekuniäre Potenzial der Geschichte zu erkennen, fragen sich dort alle, wie man nur so blöd sein kann, ein Krokodil zu vergessen.
Mir stellt sich diese Frage nicht. Bei jeder zweiten Ferienreisewelle kann man auf Autobahnraststätten zwischen Berlin, Bochum, Bibione und Bodrum Kleinkinder und Ehefrauen finden, die geduldig darauf warten, dass der Papa ein paar Kilometer weiter südlich endlich in den Rückspiegel schaut, um sich zu wundern, wo denn die Familie seit dem letzten Tankstopp abgeblieben ist. Und wenn der moderne Mensch nicht einmal mehr auf seine Liebsten achten kann, sobald die Urlaubsstimmung übermächtig wird, darf ein Zirkusdirektor im Tourneetrubel wohl auch ein Krokodil vergessen, ohne dass man ihn jetzt gleich blöd anreden muss. Wo nämlich diese Viecher ohnehin Weltmeister im Abtauchen sind.
Stimmt nicht? Ach so? Und was ist dann aus jenem Krokodil geworden, das Ende August ausgerechnet im Fischwasser des Kärntner Lokalpolitikers Kurt Scheuch zwei Kindern die Badeschlapfen zerbissen hat? Gibts das noch? Gabs das je? Ist es gemütlich weitergeschwommen in Richtung Kroatien? Oder gar im Kochtopf eines Drautaler Gourmets gelandet? Was, nur so am Rande erwähnt, gar nicht mal so abwegig wäre. Ein Filetstück vom Krokodilrücken schmeckt nicht schlecht, wie eine Mischung aus Huhn und Fisch. Kriegt jeder hin. Schließlich weiß der Regenwald-Reisende genauso wie der Spaziergänger aus Kladno: Der komplizierte Teil vom Rezept ist, das Krokodil in den Kochtopf zu kriegen. Der Rest ist ein Kinderspiel.
Artikel erschienen am 12. Oktober 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47
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