Ich hatte viel gehört von Menschen, die die Schweiz wieder verlassen. Das Kind einer deutschen Freundin, die nach einigen Jahren Zürich nach Düsseldorf zurückging, musste in Deutschland erst einmal zum Logopäden. Das Kind war einfach nicht in der Lage, ein "k" fehlerfrei zu sprechen, es kam immer "ch" oder "kch" heraus.
Auch war mir klar, dass ich mich wieder an den normalen Alltag in einer normalen Welt gewöhnen würde müssen, sobald ich mich am Zürcher Personenstandsamt für 60 Franken Gebühr abmeldet hatte.
An Probleme etwa. An meinem letzten Abend in Zürich saß ich bei Freunden im Garten. Die Freunde haben ein Haus an der "Goldküste" am Zürichsee. Die Luft war weich, weiße Schiffe schaukelten auf den Wellen, und der See glitzerte in der Abendsonne, als wollte er mir den Abschied besonders schwer machen. Plötzlich hörten wir ein lautes Röcheln. Ich schrak auf. "Ach, da ist nur jemandem der Yacht-Motor abgestorben," sagte ein Freund. Ich wusste: Solche Gespräche werde ich nie wieder führen.
Mit einem hatte ich hingegen nicht gerechnet, als klar war, dass ich aus beruflichen Gründen nach Berlin gehen würde, beziehungsweise "zügeln", wie die Schweizer sagen, was das Zügellose des Verlassens, die Anmaßung der Veränderung sehr gut wiedergibt. Ich wusste nicht, wie sehr ich die Schweiz vermissen würde. Wie schön ich plötzlich alles finden würde, kaum, dass ich am Flughafen Tegel aus dem Flieger gekrochen war.
Das Essen, die Berge, die Natur. Selbst die Schweizerin vermisste ich, die mich an einem meiner letzten Tage im Café neben der Zürcher Kunsthalle aufgefordert hatte, ich möge meine gelesene Zeitung nicht auf dem Tisch liegen lassen, sondern ordentlich im Mülleimer "versorgen". "Das wirft sonst ein schlechtes Licht auf Ihr Volk."
Meine Wiener Freunde lachen sich natürlich halb tot darüber. Sie bieten an, mir die Artikel und die Glossen für diese Zeitung vorzulesen, in denen ich in den vergangenen drei Jahren über die Schweiz gelästert habe.
Ich aber blicke melancholisch in die Ferne, wo allerdings nur Häuserschluchten sind und Straßen und Verkehr. Und weit und breit kein einziges Schiff und kein See.
Ich fühle mich wie Heidi, als sie wegmuss von der Alm und den Bergen und den Wiesen und den Wäldern. In die doofe Großstadt zügeln.
Heidi hielt sich in Frankfurt immerhin heimlich Kätzchen im Schrank, mit denen sie sich aufheitern konnte. Ich habe nur Heimweh, verfluchtes, nagendes Heimweh. Das Wort ist übrigens im 17. Jahrhundert in der Schweiz entstanden.
Verena Mayer, geboren in Wien, Journalistin und Autorin, lebt nach einigen Jahren in Zürich nun (wieder) in Berlin.
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