• vom 13.10.2012, 08:30 Uhr

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diarium

Die Kunst des Entsorgens


Von Hermann Schlösser

Der Vater ist schon länger tot, die Mutter starb im vergangenen Jahr. Seitdem sind wir drei Nachkommen mit vereinten Kräften dabei, die elterliche Hinterlassenschaft zu ordnen. Vieles wird sorgsam erhalten, manches wandert bedenkenlos in den Mist.

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Und dann gibt es die Zweifelsfälle. "Knaurs Lexikon der modernen Kunst" zum Beispiel - das wurde in den 1960er Jahren angeschafft, und ich verdanke ihm meine ersten Anschauungen und Kenntnisse über die Malerei des 20. Jahrhunderts: Dalí, Beckmann, Klee, Picasso - hat mir damals alles gut gefallen. Aber muss ich dieses Buch deshalb für den Rest meines Lebens aufbewahren? Schließlich will ich ja nicht meine eigene Wohnung leer räumen, damit die gesamte elterliche Bibliothek darin Platz findet. Ich nehme ohnehin schon viel mehr mit, als mir gut tut. Und sachlich betrachtet, ist dieses Lexikon ja vollkommen überholt! Also: Altpapier.

Und was haben wir da? Einige zerlesene Ausgaben des einstmals berühmten Witzblattes "Fliegende Blätter", die noch von den Urgroßeltern übriggeblieben sind. Studenten heißen hier "Süffel", ka-priziöse Mädchen "Backfische", der arrogante Reserveoffizier trägt ein Monokel. Frauenrechtlerinnen sind hässlich, Juden neureich, Professoren zerstreut.

Diese Hefte haben zwei Weltkriege überlebt - und wir wollen sie in den Reißwolf geben? Ja, sicher! Die "Fliegenden Blätter" sind in vielen Bibliotheken greifbar, die brauchen wir nicht noch einmal zu archivieren. Außerdem: Nichts altert so unvorteilhaft wie Witze. Was seinerzeit vielleicht lustig war, erscheint heute abgestanden - weg damit!

Man findet aber nicht nur allseits verbreitete Bücher im geräumigen Elternhaus, sondern auch private Fotografien. Zum Beispiel das Bild eines kleinen Mädchens im weißen Kleid, das auf der Rückseite beschriftet ist: "Hl. Erstkommunion am Weißen Sonntag von Heidrun, Ostern 1953. Zur bleibenden Erinnerung an Ihre dankschuldige Familie Schwarz aus der Ostzone." Wer war diese Heidrun aus der "Ostzone", und warum war ihre Familie uns "dankschuldig"? Naja, wahrscheinlich haben wir damals Päckchen in die DDR geschickt, wie das in den fünfziger Jahren üblich war. Aber keiner von uns kann sich daran erinnern.

Was soll mit dieser "bleibenden Erinnerung" geschehen? Wir zögern. Ist es nicht schade, so ein privates Dokument wegzuwerfen? Doch, irgendwie schon. Andererseits - was fängt man damit an? Eigentlich eher nichts. Also wird auch dieses Foto entsorgt, wie man so treffend sagt.

Und dann taucht inmitten der Papiermassen eine unscheinbare, kleinformatige, grüne Karteikarte auf. Unsere Mutter war keine fromme Frau, aber der Satz, den sie hier kommentarlos notiert hat, stammt aus der Bibel. Er findet sich im überaus ernsten Psalm Nr. 39 und heißt: "Sie sammeln, und sie wissen nicht, wer es kriegen wird." Ein solches Fundstück wirft man natürlich nicht weg. Man bewahrt es auf und hört aus den Worten sogar eine Botschaft heraus, deren genaue Bedeutung jedoch im Dunkeln liegt.




Schlagwörter

Diarium, Glossen, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-12 11:26:05
Letzte Änderung am 2012-10-12 12:43:51


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