
Gestern am Morgen bin ich mit der guten Idee aufgewacht, dass ich gleich nach dem Frühstück eine Jahreskarte der Wiener Verkehrsbetriebe erwerben werde. Weil ich bin zwar leidenschaftlicher Flaneur, aber wer dauernd nur zu Fuß durch die Stadt streifen will, muss zumindest Briefträger oder Parksheriff sein, sonst geht sich das irgendwann nicht mehr aus mit den beruflichen Pflichten. Das Fahrrad ist auch keine Option. Früher war ich gerne mit dem Fahrrad unterwegs. Die täglichen Fahrten hin und zurück vom Büro sind wie ein kleiner Urlaub zwischendurch für mich gewesen. Quasi wie Rauchpause, nur halt gesünder.
Aber mittlerweile ist Radfahren nicht mehr gesund in dieser Stadt. Autofahrer und Fußgänger, Polizisten, Politiker und Stadtplaner sehen dich als natürliches Feindbild an, und wer so oft wie ich am Ringradweg unterwegs war, kommt zwangsweise irgendwann auf den Gedanken, dass sich die Radfahrer gegenseitig auch nicht wirklich leiden können.
Bliebe das Auto. Theoretisch. Weil praktisch heißt das, im Stau stehen, in einem fort Parkplatz suchen, Unsummen für Parkgaragen hinlegen, also auch nicht wirklich lustig.
So stehe ich also am Vorverkaufsschalter der zuständigen Verkehrsbetriebe, habe abgezählte 365 Euro, ein Passfoto, ein ausgefülltes Antragsformular in der Hand und im Herzen den Wunsch, die Situation zumindest für das nächste Jahr zu regeln. "Lichtbildausweis?", nuschelt eine junge Frau hinter Glas und als ich frage, warum jemand, der mit Bargeld eine Jahreskarte erwerben möchte, zum Vollpreis versteht sich, also weder Studenten-, noch Pensionisten-, noch sonst einen Rabatt begehrt, einen Lichtbildausweis zücken muss, da sagt sie zuerst: "Vorschrift." Und dann: "Damit ich weiß, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben."
Aha also. Und warum sollte ich mich für jemand anders ausgeben? Quasi unbedingt unter falscher Identität in Wien U-Bahn fahren wollen? Konnte sie mir nicht erklären. Wollte sie auch nicht. Bleibt nur der Schluss: Der Überwachungsstaat ist nun auch in der Überwachungsstadt angekommen. Jeder Bürger ist grundsätzlich mal verdächtig. Und demnächst werden sie mich auch beim Wirten fragen, ob ich Papiere dabei hab. Muss man verstehen. Wer weiß schon, ob das Schnitzel auch wirklich für mich ist. Oder ob ich mich am Ende gar illegal zum Verzehr einschleiche.
Artikel erschienen am 19. Oktober 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47
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