
Ja, ich liebe die öffentlichen Verkehrsmittel. Gut, manchmal sind sie natürlich eine Herausforderung. Wenn ich mich beispielsweise in eine übervolle U-Bahn hineinquetschen muss (am besten noch mit Gepäck) und von mehreren Augenpaaren Blicke ernte, die mir signalisieren, ich möge doch sofort im eitrigen Anus des Gottseibeiuns verschwinden, dann find ich sie gerade nicht so toll.
Aber sonst sind die "Öffentlichen" doch super.
Allein schon wegen der zahlreichen Werbeplakate. Nicht nur, weil sie einem stets schöne, braungebrannte, muskelbepackte Körper zeigen, deren formvollendete Gesichter sich über das neueste Getränk oder Mobiltelefon oder Fernreiseangebot auf natürlichste Weise freuen und damit so gar nicht zu den grauen, aber grantigen Gesichtern der Wiener rundherum passen, sondern weil es ab und zu auch politische Werbung gibt.
Die letzte Kampagne der SPÖ etwa ist ganz wunderbar gelungen. Da steht in fetten Lettern: "Die SPÖ macht’s: Öffentlicher Verkehr billiger!"
Ich lese das und sehe sofort die Presseaussendung des Rathauses vor mir: "Durch das gehäufte Auftreten von kopulierenden Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei im öffentlichen Raum sieht sich die Stadtregierung gezwungen, das Bußgeld für ,Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ drastisch zu senken."
Oder heißt das in diesem Fall nicht "Bußgeld", sondern "Organstrafe"? Egal.
Und dann liebe ich natürlich auch die anderen Fahrgäste. Ich schau’ sie mir gern an und stelle heimlich Vermutungen über Alter, Bildung, Familienstand und Alkoholisierungsgrad an. Das ist schön, spekulativ und verkürzt auf philanthropische Art die Fahrzeit.
Doch letzte Woche, am Samstag, ist etwas Unglaubliches passiert: Da hab’ ich meinen Leser getroffen.
Ein sympathisch wirkender, etwa fünfzig Jahre alter Mann mit Brille hat sich mir schräg gegenüber hingesetzt und das periodische Druckwerk, das Sie soeben in Händen halten (oder im Internet lesen), entfaltet. Er blättert durch Politik, Wirtschaft und Chronik und landet schließlich beim Feuilleton. Für scheinbar endlose Zeiten vertieft er sich in den Aufmacher der ersten Kultur-Seite. Dann blättert er endlich um. Jetzt ist er auf der Seite, auf der auch meine Kolumne steht. Ich folge den Bewegungen seiner Augen. Er liest zunächst den Artikel genau über meiner Kolumne. Jetzt widmet er sich der Kolumne . . . der Kulturchefin. O.k. Ich kann warten. Aber nun, endlich, wandern seine Augen die Seite hinunter, er richtet die Zeitung her, rückt seine Brille gerade. Gleich werde ich sehen, wie ich gelesen werde und da. . . sagt Chris Lohner aus dem Lautsprecher: "Nächster Halt: Ottakring. Umsteigen zur Linie U3."
Mein Leser faltet die Zeitung zusammen, steht auf und steigt aus.
Was? Halt! Nein! Ich möchte doch noch wissen, ob er lacht, wenigstens schmunzelt, sich vielleicht ärgert oder wenigstens irgendeine Reaktion zeigt. Bitte! Bleib da, oh ehrenwerter Leser! Warum musst Du denn jetzt aussteigen? Na geh . . .
Ach, ich hasse die öffentlichen Verkehrsmittel!
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter